Erinnerungen von Peter Alexander Christerer

Peter Alexander Christerer


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Widmung

Dieses Buch ist jemanden gewidmet, den ich von ganzen Herzen liebe und achte. Noch nie wurde ich von diesem Menschen im Stich gelassen oder gekränkt.

Dieses Buch ist mir gewidmet.

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Erinnerungen von Peter Alexander Christerer
#K06-12 - Die gute alte Franz Josefmp3
Nach dem Tod von Oma 1989 und der daraus resultierenden Erbschaft, konnte ich mir doch tatsächlich ein Motorrad leisten. Als kleiner Angestellter im öffentlichen Dienst, war das als alleinverdienender Familienvater von 2 Kindern + Ehefrau nicht möglich gewesen.

Selbst kannte ich mich auf dem Mopedmarkt nicht mehr so aus und dachte mir, da fragste mal deinen Freund Reinhold R. Der ist up to date, zudem Fahrlehrer und könnte mir somit ein paar Auffrischungsstunden geben. Und was sagte der Saukerl sinngemäß: "So aggressiv und aufbrausend, wie du bist, kommt für dich nur ein big bike in Frage. Damit du dich nicht von den kleinen Pinschern provozieren lässt, weil du weißt, wenn du Gas gibst, ist niemand mehr neben dir." Eigentlich eine absolute Unverschämtheit, so friedfertig und lammfromm ich seit jeher bin!

Also folgsam suchte ich nach einem etwas größeren Moped. In Frage kamen eine 1100er Suzi (Suzuki), eine Kawa (Kawasaki) ZZR und eine 1200 FJ Yamsel (Yamaha). Das Kürzel FJ für Franz-Josef (Strauß) war mir gleich sympathisch und sie war mit Abstand die Schönste. Schon war sie gekauft. Nur weil mir die Beschleunigung von 0 auf 100 in 3,6 und auf 160 in 4,8 Sekunden etwas holprig erschien, ließ ich sie beim Deimhard Hanse -ein früherer Schrauber von den Münchner Valley Rockern- ein bisschen aufpeppen und schon waren aus den 98 plötzlich 143 PS geworden.

Es gäbe viele shorties zu schreiben, wie z.B. dass ich mich gleich in der ersten "Fahrstunde" auf die Straße legte, die Rekordfahrt von Mondsee nach München, Livingio - München und zurück an einem Tag oder als sich Christina die Wade am Auspuff anschmorte u.v.m.
Doch nur zwei -eine mit Christina in der Hauptrolle- davon möchte ich für die Nachwelt hier verewigen. Oft waren wir in einer Gruppe von 4 Personen mit 3 Motorrädern unterwegs. Günter R., Gerhard G. und ich mit Christina als Mitfahrerin. So planten wir (ich vermute es war Christi Himmelfahrt) eine 4-Tagestour über Livingio-Meran-Innsbruck-München. Nach meiner Erinnerung war der erste Tag richtig gut und ohne Probleme gelangten wir zur ersten Station in der Gemeinde See, der Eingang zum Paznauntal, im schönen Tirol. Gutes Essen, schöne Zimmer und ein geiles Motorrad vor der Tür. Herz was willst noch mehr?

Der nächste Tag begann leider völlig konträr zum vorhergehenden. Nicht nur dass die Temperaturen empfindlich zurückgegangen waren, nööö der "Salzburger Schnürlregen" hatte eingesetzt. Yoooo und jeder der schon einmal ernsthaft Motorrad fuhr, der weiß dass dies -trotz professioneller Kleidung und Ausrüstung- so ziemlich das "erstrebenswerteste" Lebenselixier ever auf engen Landstraßen und kurvenreichen Gebirgspässen ist. Fast so wünschenswert wie heftiger Durchfall ohne Toilette im Umkreis von 20km.
Wir kletterten missmutig auf die Mopeds, dick verpackt mit Regenkombi über der Rennkombi und unhandlichen Regenhandschuhen und schickten selbst als Atheisten Stoßgebete nach oben und baten um Gnade. Doch wir wurden nicht erhört, eher das Gegenteil war der Fall. Es wurde immer kälter und der Regen stärker.

Irgendwann geriet das ersehnte Ziel in greifbare Nähe. Es musste nur noch der ziemlich dunkle und straßentechnisch nicht beste Tunnel "Munt la Schera" durchquert werden. Dieser ca. 3,5km lange Tunnel ist bei schönem Wetter ein wunderbarer Abschluss bis man sein Ziel --> Livignio in Italien erreicht hat. Die letzten 2 km in den Ort, waren immer schon spannend, denn von Straße konnte man eher nicht sprechen. Gut gemeint vielleicht von Schotterpiste. Und vorher lag die Betonung auf schönem Wetter. Die Überraschung war riesig, als wir durchnässt und halb erfroren aus dem Tunnel wieder ins Freie kamen. Der Regen war vorbei! Stattdessen schneite es ziemlich heftig. Yep, dann kam Christinas -von mir unbemerkt, da ich ständig entweder ohne Visier (scheißkalt der Schnee in der Fresse!) oder mit einer Hand fahren musste, um den Schnee vom Visier zu bringen- großer Auftritt. Als wir am Ziel waren, stürmte von hinten der normalerweise sanftmütige Gerhard heran und machte Christina aber so was von zur Minna: "Ob sie geisteskrank oder lebensmüde sei. Was sie sich dabei dachte auch alle nachfolgenden zu gefährden, wenn es Bäääda auf die Straße legt. usw. usf".
Solange bis ich einschritt und wissen wollte was überhaupt los ist. Es hat doch alles bestens geklappt. Günter R. war übrigens genauso verblüfft. Was war geschehen? Nun Christina konnte wohl die Kälte nicht mehr ertragen und machte einige Freiluftübungen auf dem Sitz und klopfte sich ständig mit den Händen auf die Brust. Zugegeben, das ist bei der Situation nicht die beste Idee. Und mir war klar, warum die gute alte Yamsel vorher so rumzickte.
Christinas Antwort: "Ich dachte erschlagen und überfahren zu werden ist ein schönerer Tod, als zu erfrieren." Yoooo, wo sie Recht hat, hat sie Recht!

Nun der Rest dieser Tour ist schnell erzählt. Ab dem nächsten Morgen herrschte traumhaftes Wetter und nach Überquerung des Stilfser Joch -mit über 2700m Italiens höchster Gebirgspass- kamen Richtung Meran frühlingshafte Temperaturen hinzu. Werde nie vergessen, dass ich die ersten GEBRATENEN Weißwürste auf den Meraner Wochenmarkt gegessen habe. KÖSTLICH! Dann übernachteten wir im herrlichen Hotel Bad Schörgau mit herausragender Küche. Am nächsten Tag dann über Innsbruck die Rückfahrt nach München.

Die zweite verewigte Geschichte ist wesentlich kürzer und nur für mich von Bedeutung, weil ich mich immer wieder an den Schutzengel oder das unglaubliche Glück das Christina und mir zu Teil wurde, erinnern möchte.
An einem schönen Sonntag hatten die üblichen 4 eine griabige, gemütliche Tour im Hinterland eingeplant. Alles chic und wunderbar. Dann geschah das unfassbare. Günter R. vorne, ich in der Mitte, Gerhard hinten. Schön ausgebaute Straße, Geschwindigkeit etwa 120km/h, zwischen Ettal und Schloss Linderhof. Urplötzlich springt zwischen Günter und mir eine Rehkuh mit zwei Kitzen aus dem Graben und will die Straße überqueren. Während die Mutter und das größere Kitz -trotz Gegenverkehr- weiterliefen, kehrte das Kleinste (es war schon an mir vorbei) etwa in der Mitte der Straße um und lief zurück. Ich hatte keinerlei Chance zum Ausweichen, erwischte das Kitz mit dem Vorderreifen und in Sekundenbruchteilen wurde das Reh unter den Motorblock geschoben und bockte mich sozusagen auf.
Obwohl ich ganz sicher nicht zu den besten Motorradfahrern gehörte, reagierte ich reflexartig, unglaublich schnell und richtig. Auch Christina machte wohl instinktiv das einzig Richtige. Sie legte sich auf meinen Rücken und umklammerte mich so fest sie konnte. Dadurch waren wir eine Einheit und sie wurde von mir einfach mitgezogen. Als erstes musste ich das Kitz loswerden. Dazu schmiss ich mich auf die linke Seite, bis das Knie die Straße berührte. Dann trat ich mit voller Wucht gegen das Tier. Es funktionierte, das Reh flog in hohem Bogen in den Graben.

Jetzt war das Problem, dass das Moped abzuschmieren drohte. Also musste ich meine Wenigkeit, Christina und die ca. 250kg schwere Yamsel von der Waagrechten in die Senkrechte bringen. Ich holte jedoch zuviel Schwung und legte mich gleich mal auf die rechte Seite. Bestimmt auch deshalb, damit beide Knie zu gleichen Teilen schmerzten. Also wieder retour und es funktionierte. Dann ausrollen lassen, denn wie gesagt zu Beginn betrug die Geschwindigkeit ca. 120km/h, dann zitternd absteigen und ziemlich dämlich in die Gegend blicken.
Inzwischen war Gerhard auch da und ich habe selten jemand mit einer derart bleichen Gesichtsfarbe gesehen. Er blickte uns beide völlig entgeistert an und sagte wörtlich: "Was für ein Wahnsinn. Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, welchen Kranz, welche Blumen ich für euer Grab kaufen werde. Denn das kann man nicht überleben."
Wir haben es glücklicherweise überlebt, das Rehkitz natürlich nicht. Dankenswerterweise kümmerte sich Gerhard um die Abwicklung mit der Polizei und Förster, während Günter zwei völlig geschockte Menschen aufmunterte. Meine gute alte Franz Josef konnte ich sogar noch heimfahren, allerdings sehr langsam und der oben erwähnte Hans stellte sie vollständig wieder her.

Warum ich später meine geliebte Yamsel hergegeben habe, kommt im übernächsten Beitrag.
Erinnerungen von Peter Alexander Christerer
#K06-11 - Einmal Löwe, immer Löwemp3
Wie im vorherigen Beitrag geschrieben, war eine neue Frau an meiner Seite. Neben verschiedenen ernsthaften Schwierigkeiten -die Scheidung war sehr nervtötend- gab es ein schwerwiegendes Problem zwischen Christina und mir. FUßBALL! Während ich eher ein Fernseh-Fan war und immer die Meinung vertrat dass immer die 60ger gewinnen müssen -also auch im Derby- aber ansonsten immer eine bairische gegen nicht bairische gewinnen müssen und somit auch die Roten gewinnen dürfen, war Christina ein Löwen FANATIKER und FC Bayern München HASSER.

In kürzester Zeit gelang es ihr, mich davon zu überzeugen, sie ins 60er Stadion an der Grünwalder Straße zu begleiten. Natürlich in die Westkurve dem Hardcore Fan Bereich. Die Löwen spielten in der dritten Liga und manchmal war die Auslastung im Stadion schon arg niedrig. Doch dann kamen Wildmoser und Lorant und alles änderte sich. Im Nachhinein muss ich gestehen, es war schon eine schöne Zeit mit den ganzen Typen dort. Ob Kurti (I geh oba und schmier eam oane :-)), Christoph, Strowe usw. es war einfach geil.

Dann geschah das Unfassbare. Die Bundesliga Saison 1993/1994 begann mit einer herben Niederlage für die gerade in die 2. Liga aufgestiegenen glorreichen Löwen. Eigentlich rechnete jeder mit einem Kampf gegen den Abstieg und war froh, als sich schon früh abzeichnete, dass Dompteur Lorrant die Jungs im Griff hatte. Die Abstiegsangst war gebannt und etwas Euphorie machte sich breit. Wir kletterten immer höher in der Tabelle. Die Saison neigte sich dem Ende zu und es kam am letzten Spieltag tatsächlich zum showdown zwischen uns und dem FC Sankt Pauli um den 3. Aufstiegsplatz in die 1. Liga.

Punktgleich hatten beide ein Auswärtsspiel zu bestreiten. St. Pauli beim Vfl Wolfsburg und wir in Meppen. Als kleiner Vorteil für uns war das bessere Torverhältnis zu vermerken. Yoooo dann ging der Punk ab. Die Stadt Meppen hatte damals ca 30.000 Einwohner und bestimmt genauso viel Löwen Fans wollten die Mannschaft unterstützen. Soweit ich mich erinnere fasste das Stadion 16.000 Zuschauer und für unseren Verein gab es -eine absolute Ausnahme- 10.000 Karten. Diese waren innerhalb von Stunden ausverkauft. 4 davon (ich hatte damals gute Beziehungen zur Geschäftsstelle) gingen an Christina, Andrea, Reiner und mich. Denn für uns war klar, da sind wir dabei.

Ziemlich früh am Samstagmorgen starteten wir in München und nahmen die ca. 750km nach Meppen in Angriff. Und was soll ich sagen? Wir kamen ohne Probleme (bis auf Bandscheibenschmerzen bei mir) an und stellten fest, Meppen war fest in Münchner Hand. Im Stadion selbst kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass auch nur ein Meppener anwesend war. Das Spiel begann sensationell mit einem Tor durch Peter Pacult bereits in der 3. Minute und spätestens von nun an war den Meppener Spielern klar, dass übermäßiger Ehrgeiz fehl am Platz wäre. Mein Jubelschrei (ich hatte ein kleines Radio dabei und verfolgte über Kopfhörer das Geschehen in Wolfsburg) in der 14. Minute als Wolfsburg in Führung ging löste leichte Irritationen aus. Aber als der Stadionsprecher diesen Spielstand bekannt gab, war nur noch die Hölle los.
Es blieb beim 1:0 und St. Pauli verlor 4:1, somit hatte der glorreiche TSV 1860 München den direkten Durchmarsch von der 3. in die 1. Liga als erste deutsche Mannschaft überhaupt geschafft.
Obwohl die Löwenfans nicht gerade als harmlos bekannt waren, muss ich eines sagen: Respekt! Soweit mir bekannt gab es keinerlei Beschädigungen innerhalb der Stadt. Keine Schlägereien, keine Ausschreitungen durch Betrunkene usw. Auch im Stadion hielt bis zum Schluss die Parole: Blos keinen Spielabbruch provozieren, denn als klar war, dass der Aufstieg feststand kannte die Freude und Euphorie keine Grenzen mehr.
Dass nach Spielende das Tor abgebaut und zerlegt und dass der Rasen etwas gerupft wurde, das versteht sich von selbst. Diese Kosten denke ich hat unser Verein gerne übernommen. Die 750km Heimweg waren anschließend deutlich entspannter als die Anreise und auch hier gab es nach meiner Erinnerung keinerlei Probleme.

Das war jetzt sicher nicht die spannendste meiner bisherigen Geschichten. Doch ich kann nur sagen, dass es für mich ein Tag der besonderen Art war und ich sehr gerne daran zurückdenke. Wer das einmal miterlebt hat, vergisst es nie wieder. Meine Erinnerungen an Meppen sind seither absolut positiv. Was ich damals noch nicht ahnen konnte, ist, dass mir jemand aus Meppen kurze Zeit später sehr viel mehr schenkte als eine wunderschöne Erinnerung an einen grandiosen Tag. Doch davon ein paar Beiträge später.
Erinnerungen von Peter Alexander Christerer
#k06-10a - Scheiden tut weh…mp3

Als Friedrich Schiller im Jahre 1799 sein Gedicht "Das Lied von der Glocke" veröffentlichte, kam auch ein Hochzeitsvers vor:

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.

Friedrich Schiller wusste offensichtlich, worüber er schrieb. Doch im Gegensatz zu damals bedeutet heutzutage eine Ehe nicht mehr unbedingt ewig. Sich scheiden zu lassen ist deutlich einfacher als zur damaligen Zeit. Dennoch ist eine Scheidung eine ziemlich einschneidende Sache und verändert bei vielen Menschen nachhaltig ihre Lebensansicht. Bei meiner ersten Ehe war es jedoch von Anfang an abzusehen, dass es so kommen würde, wie es dann auch kam.

Beide waren wir sehr jung (1978) als wir uns kennenlernten und von extrem gegensätzlicher Natur. Einig waren wir uns dahingehend dass wir in jungen Jahren eine Familie gründen wollten. Angelika war eine eher unscheinbare, zurückhaltende vielleicht sogar schüchterne Frau, die so erzogen worden war, dass "der Mann" das Sagen hatte. Leider und das war wohl das Ausschlaggebende war sie auch sehr antriebslos und Neuerungen gegenüber nicht aufgeschlossen. Die Sicherheit eine Wohnung, genug zu essen für die Kinder und einen Mann zu haben, der zuverlässig Geld nach Hause bringt, genügten ihr völlig. Aktivitäten mussten von mir vorgeschlagen und geplant werden und wurden allzu häufig abgelehnt. All das ist nicht schlecht und sie war ein herzensguter, ehrlicher Mensch. Sehr viele Männer möchten sicher gerne so eine Frau an ihrer Seite.

Doch ich war das vollständige Gegenteil davon. Immer darauf bedacht, dass die Familie finanziell über die Runden kommt, das war in den Anfangsjahren als Alleinverdiener schwierig genug. Aber eben vorsichtig ausdrückt war ich eher "dynamisch". Ständig auf Achse, unzählige Bekannte, viele davon aus der "Halbwelt" und selbst mit einer gewissen Aggressivität behaftet. Das brachte aber der Beruf als Bierfahrer und der Umgang mit Dachauer Rockern mit sich. Jedenfalls passte das nicht so recht in das beschauliche Sicherheitsdenken meiner damaligen Ehefrau. Ice Cube sang in hood mentality einmal: "I'm from the hood, but it's not what I'm". Das könnte schon hinkommen. Zudem bin ich BIS HEUTE sehr dominant und ein Macho. Das wird sich -so hoffe ich- auch nicht mehr ändern.
Der Weggang von Hacker-Pschorr zur Wache vom BND brachte zuerst wenig Änderung, da ich durch den Schichtdienst fast noch mehr Zeit zur Verfügung hatte. Allerdings wurde es mir schon ein bisschen viel, da ich mich neben Beruf und Nebengeschäften um genug Kohle zu haben auch noch um den ganzen "Bürokram" von Tobias kümmerte. Er besuchte einen heilpädagogischen Kindergarten und da gab es eine Menge Schreibkram. Zusätzlich waren die Leute dort sehr aktiv und der Besuch von Elternabenden etc. wurde ausschließlich mir übertragen. Corinna war auch gerade zur Welt gekommen, glücklicherweise war sie sehr pflegleicht und machte mehr Freude als Sorgen. Tobias hingegen war aufgrund seiner Erkrankung sehr zu bedauern und noch heute nehme ich mir meine häufige Ungeduld mit ihm sehr übel. Nebenher hatte ich noch begonnen über ein Fernstudium bei AKAD das Abitur nachzuholen.

Massive Änderungen auch für das Verhältnis zwischen mir und Angelika brachte 1987 der Wechsel von der Wache zu einem Bürojob. So schön es vielleicht auch sein mag, "der Patriach, der Alleinherscher" zu sein, auf Dauer funktioniert das nicht. Wenn Einladungen außer zu Freunden oder der der Familie stets alleine durchgeführt werden müssen, wenn sich das Spektrum der Interessen und Unterhaltungen zum großen Teil an der TV Zeitung orientiert, wird es auf Dauer uninteressant. Ich erinnere mich noch sehr gut, als ich mich einmal mit meinem Bruder Otto über die Situation unterhielt und dieser treffend sagte: "Eigentlich hältst du dir eine Putzfrau, die kocht und hin und wieder Sex mit dir hat". Stimmt, so kann man es ausdrücken.
Ob der Sex aus Zuneigung oder "weil man das halt in der Ehe macht" stattfand, kann ich nicht sagen. Wer glaubt er kann den Sex einer Frau einschätzen und beurteilen, der sollte sich diese Szene mit Meg Ryan ansehen: Harry & Sally . Ich habe seit jeher die Einstellung, dass "fremd gehen" für mich nicht in Frage kommt, außer die Beziehung ist aus meiner Sicht beendet und war schon sehr überrascht, als mir meine Ehefrau ganz klar erklärte, dass es ihr völlig egal sei, ob ich mit anderen Frauen etwas hätte. Lediglich die gemeinsame Wohnung sei tabu. Ich vermutete ganz stark, dass die Ehe weniger mit "mögen" als mit "Versorgung" zu tun hatte.

Nach dem Tod von Oma 1989 war plötzlich genug Geld in der Kasse. Wir hatten eine wunderschöne fast 100m2 große Wohnung in einem guten Viertel und ich konnte Angelika tatsächlich überzeugen, dass wir EINE Woche Urlaub in Freiburg machen. Der erste seit 1981. Es schien ihr zu gefallen und ich dachte vielleicht gibt es ja doch noch eine Möglichkeit Interessen zu wecken. Leider falsch gedacht. Das auslösende Moment, das endgültige Ende der Ehe zu akzeptieren, kam kurze Zeit später. Schon immer -auch heute noch- ist mein Wunsch einmal New York zu besuchen. Geld war da und ich organisierte heimlich eine 4 oder 5 Tage Reise. Schwiegermutter hatte sich bereit erklärt die Kinder zu versorgen und der Urlaub war genehmigt. Als ich es Angelika mitteilte war ihre Reaktion folgende: "New York? Was soll ich den da? Du weißt doch, dass ich kaum Englisch kann, wie soll ich denn das Fernsehprogramm verstehen?" Ich war fassungslos. Allerdings kam dann der entscheidende Megahammer! Sie führte weiter aus: "Nimm doch deine Kollegin …-eine junge sehr attraktive Frau, mit der ich auch privat viel Kontakt pflegte- mit, der gefällt das bestimmt". Mein Einwand, dass ich ein Doppelzimmer gebucht hatte, war nicht wichtig für sie und sie sagte nur, dass es ja nicht in ihrer Wohnung ist.
Die Reise fand bis heute nicht statt und ich war ab sofort wieder offen für neue Bekanntschaften mit Frauen. Logisch, ein derart gutaussehender, charmanter Mann wie ich hat alle Chancen diesbezüglich. Es dauerte nicht lange und ich lernte eine bezaubernde Frau kennen und die Scheidung nahm ihren Lauf. Leider gelang es mir und meiner zukünftigen 2. Ehefrau nicht, das Sorgerecht für die Kinder zu erhalten. Wir probierten alles, 2 x auch über das Oberlandesgericht. Doch der gegnerische Anwalt war besser und so wage ich zu behaupten, haben ALLE Beteiligten verloren. Ich habe mir bezüglich meiner Ex-Ehefrau nichts vorzuwerfen, doch für die Kinder tut es mir unendlich leid. Für mich selbst kann ich nur sagen, dass die Scheidung ziemliche Narben hinterlassen hat. Wer 15 Jahre mit jemanden gemeinsam ein Leben -im Prinzip ohne Streit- verbringt, hat sehr viel investiert und es gibt -egal wie schmutzig die Scheidung auch war- zumindest bei mir viele schöne Erinnerungen, die ich nicht einfach so wegwerfen möchte.

Erinnerungen von Peter Alexander Christerer
#k06-10 - Der Aufstiegmp3

Es war mir sehr schnell bewusst geworden, dass der Job bei der Wache nicht von Dauer sein würde. Bei allen Vorzügen wie z.B: hohes Gehalt, durch die angenehme Schicht sehr viel Freizeit, auch wenn Sonn- und Feiertage oft nicht der Familie gehörten, klar strukturierte Aufgabenstellung und einiges anderes. Es war in erster Linie die geistige Unterforderung -obwohl ich privat ein Fernstudium bei der Firma AKAD angefangen hatte- welche mit jeder Schicht schlimmer wurde. Da ich im Wachbereich jeden nur erdenklichen Sonderposten annahm der etwas Abwechslung versprach, wurde ich auch als Hausposten im Haus 37 - der Arbeitsplatz des Präsidenten und seines Leitungsstabes- eingesetzt. Zwar wurde man von den anderen Kollegen für die Vergünstigungen (kein Streifegehen, keine Ausweisausgabe etc) beneidet, doch haben wollte den Job kaum jemand. Denn dort war nicht nur ein Kommen und Gehen der hochrangigsten BND Mitarbeiter, sondern häufig auch Präsidenten anderer Geheimdienste und wichtige deutsche Politiker zu Gast. Leider kann ich hierzu keine Details von mir geben, welche Absurditäten dabei manchmal zustande kamen.

Natürlich knüpfte ich meine Beziehungen und eine davon verhalf mir zu einem Bürojob. Als Abteilungsleiter der B6 Ebene und späterer Botschafter in Frankreich, war er vernetzt genug, mir ein paar Türen zu öffnen. Allerdings bekam ich aufgrund meiner aufmüpfigen Art nichts geschenkt, sondern musste mir alles erkämpfen. Als ich dann an einem etwas spezielleren Posten zum Abfragen bestimmter Personen mit Bordmitteln ein Programm entwickelte, welches die Fehlerquote minimierte und die Anzahl der Abfragen ganz erheblich steigerte, wurde die IT-Abteilung auf mich aufmerksam. Mein Glück war, dass gerade der Umstieg von Großrechner auf PC erfolgte.
Während der Dienst 3 Jahre lang Mitarbeiter zu Informatikern ausbilden ließ, war ich bereits Gesellschafter einer Softwarefirma mit genialen Programmierern, die mir auch die schmutzigen Tricks (Viren und Hacking) sowie das Wesentliche der damals gängigen Programmiersprachen Basic, Turbo Pascal und C beibrachten. Das Entscheidende war aber dass ich mir autodidaktisch die Microsoftprodukte verinnerlichte und diese dann mit Bordmittel (zuerst Basic, dann VBA) umbaute, also exakt das was jedes Unternehmen braucht. Es würde jetzt zu weit gehen, aufzuführen welche Erleichterungen ich in Access, Excel und Word programmierte, jedenfalls war ich plötzlich unentbehrlich. Die Vorlage für alle Arten von Schreiben ob extern, intern, eingestuft, mit Bundesadler oder auch nicht, war unverzichtbar.

Genau das nahm ich zum Anlass den Vorgesetzten das Messer auf die Brust zu setzen. Mein Gegenüber im Büro wurde damals nach BAT IVa bezahlt, während ich im mittleren Dienst nach BAT VIb bezahlt wurde, obwohl ich durch die zusätzliche Programmierung mehr leistete als "nur" Anwenderbetreuung und Schulungen durchzuführen. Nachdem die ersten Ansprachen relativ wirkungslos bei den Vorgesetzten (außer bei unserem Gruppenleiter) blieben, nahm ich eine sture Haltung ein und beharrte darauf lediglich Tätigkeiten auszuüben, welche meiner Tätigkeitsdarstellung der Vergütungsgruppe entsprachen. Yooo nach kurzer Zeit wurden intensive, ernst zu nehmende Verhandlungen aufgenommen. Der Hemmschuh war wie so oft die Verwaltung. Im öffentlichen Dienst geht es nach subjektiven und nicht objektiven Kriterien. Das bedeutet, selbst wenn du der beste Autofahrer der Welt bist, auf öffentlichen Straßen in DEU darfst du ohne Führerschein nicht fahren.

Jedenfalls war es ein langer, harter Kampf über mehr als 2 Jahre und ohne die Unterstützung meines Gruppenleiters "Frühstückdirektor" Frank S. hätte ich wohl aufgegeben. Am Ende wurde ein Kompromiss gefunden. Ich wurde zwar in den gehobenen Dienst übernommen, allerdings "nur" nach BAT IVb bezahlt und sollte zwei Prüfungen speziell für den IT-Bereich ablegen. Wie so oft sind provisorische Lösungen die Besten und halten am Längsten. Kurze Zeit nachdem ich übernommen wurde, wechselte die Referatsleitung und danach auch noch die Sachgebietsleitung. Der neue Referatsleiter war in fachlicher Hinsicht ein Fan von mir und blockierte jedes Ansinnen der Verwaltung, mich für eine Prüfung mehrere Monate aus dem Verkehr zu ziehen.
In menschlicher Hinsicht war er eher nicht ein Fan von mir, da hatte ich wohl zuviel Ähnlichkeit mit ihm selbst. Beide mit einer gehörigen Portion Zynismus und Cholerik ausgestattet, häuften sich die Beschwerden aus dem Kollegenkreis über mich. Es war aber auch dämlich gewesen, mir -dem absoluten NO Teamplayer, frisch gebackene Informatiker für 3 Monate zu einem Praktikum zu schicken. So kam es auch, dass eine Kollegin während einer Abteilungsveranstaltung vor den big Bossen sagte: "Ich hatte das Pech 3 Monate neben dem menschlich größten Arschloch der Firma zu sitzen. Ich hatte aber auch das Glück in diesen 3 Monaten mehr zu lernen als in den 3 Jahren Studium zuvor. Deshalb sind die Tage an denen ich weinend das Zimmer verließ vergessen und ich möchte mich herzlich dafür bedanken." Das hat meinem "Refl" Dr. K. gefallen und ich durfte ihn häufiger zu externen Konferenzen und Veranstaltungen mit Managern wie dem Direktor von Microsoft Europe oder einem Vorstand von Intel begleiten. Spätestens da wurde dem kleinen Metzgerburschen klar, wie verarscht der Konsument in Wirklichkeit wird.

Es gäbe noch irrsinnig viel während der Zeit bei der Technik zu schreiben, doch so richtig spannend wurde es später für mich beim BND. Davon werde ich später schreiben, allerdings nicht im Klartext, denn vieles davon ist auch heute noch nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Jetzt muss ich noch einen nicht geplanten Sonderbeitrag zu meiner ersten Scheidung schreiben, denn eigentlich wollte ich diesen gleich hiermit verwursteln, aber das passt nicht so richtig.

Erinnerungen von Peter Alexander Christerer
#k06-09 - In der Hölle sollst du schmoren, Herr Chirurg!mp3

Das Jahr 1991 begann ab Mitte Januar etwas schräg. In der Ehe kriselte es. Obwohl das stimmt eigentlich nicht. Beide hatten sich mit der Situation arrangiert. Es hatte sich heraus kristallisiert, dass die Lebensauffassungen und Temperamente beider zu gegensätzlich waren. Doch Mitte Januar bekam ich eine Erkältung und in ganz kurzer Zeit hatte ich -von mir selbst diagnostiziert - eine Bronchitis. Als ich mich dann doch zu meinem Hausarzt dem guten alten "Schmidl" begab, war dieser gar nicht amused, denn die Geräusche beim Abhören der Lunge verhießen nichts Gutes.

Was folgte war eine Tortur mit Besuchen bei verschiedenen Lungenspezialisten und Radiologen. Ob Dr. Schmitt ein guter Arzt oder nicht war, kann der Laie nur schwer beurteilen. Aber dass er ein gewissenhafter war, konnte ich feststellen. Nachdem alle Untersuchungen und Befunde keine Klarheit brachten, nur immer ganz ernste, besorgte Blicke hervorriefen, meinte der Doc, das muss geklärt werden und überwies mich zur stationären Aufnahme in das Zentralkrankenhaus Gauting mit einer Spezialabteilung für Lungenerkrankungen. Am 15.02.1991 marschierte ich fröhlich aber nicht mehr ganz fidel dort ein und hatte gleich eine Auseinandersetzung mit dem Stationsarzt.

Das Erste was der Typ wissen wollte war ob ich rauche. Wahrheitsgemäß antwortete ich mit ja. Was folgte war eine Standpauke von ihm mit so geistreichen Äußerungen wie "Warum ich das tue und ich soll das sofort unterlassen". Nun meine Entgegnungen waren auch nicht von schlechten Eltern und so beschlossen wir, keine guten Freunde zu werden. Dann stellte ich fest, dass unter dem Dach ein Aufenthaltsraum für mobile Patienten war und dort war Rauchen erlaubt. Yoooo gefundenes Fressen für mich und wie ein vor Wut schnaubender Stier tauchte ich vor dem Doktor auf und stellte ihn zur Rede. Leider war die Antwort zutreffend und blamabel für mich. Er meinte, wenn es diesen Raum nicht gäbe würden so egoistische, rücksichtslose Süchtige wie ich evtl. auf der Toilette rauchen und frisch Operierte gefährden. Nicht von der Hand zu weisen, speziell nachdem was ich dort bezgl. Rauchen alles erlebte. Positiv dabei war, dass ich bereits am 3. Tag schlagartig mit dem Rauchen aufhörte und erst 10 Jahre später wieder anfing. Glücklicherweise war der Unsympath nur Vertretung und mit der "richtigen" Stationsärztin kam ich deutlich besser aus.

Ich weiß nicht mehr was alles für Untersuchungen durchgeführt wurden, wieviel Flüssigkeiten und Gewebe mir entnommen wurde und in welche Teile dieser Welt von Schweiz bis USA das alles geschickt wurde. Eines weiß ich aber noch ganz genau: Eine Bronchoskopie war zur damaligen Zeit eine der schlimmsten und schmerzhaftesten Untersuchungen die ich je hinter mich brachte, besonders weil ich beinahe bei vollem Bewusstsein daran erstickt wäre. Nichts änderte sich, mal waren Blutungen stark mal schwach, mal die Schleier dichter mal wenig dicht. Am 01.03. verließ ich Klinik um als Kompromiss -der Chirurg wollte zu diesem Stadium keine derartige OP durchführen- eine 6-wöchige Chemotherapie durchzuführen und dann, falls sie nicht anschlägt, das Ei operativ entfernen zu lassen.

Wahrscheinlich sind die heutigen Medikamente besser und weniger mit Nebenwirkungen behaftet. Ich jedenfalls kotzte mir jeden Tag die Seele aus dem Leib und meine Haarpracht konnte spielend mit "Kojak" oder Yul Brunner konkurrieren. Der Umfang entgegen kam eher Meatloaf nahe. Und das, um nach 6 Wochen zu erfahren, dass nur marginale Änderungen erfolgt sind. Und schon nahm das Drama seinen Lauf. 6 Ärzte bildeten zwei Mannschaften. Vorausschicken muss ich, dass es eine schwere, sehr riskante Operation mit erheblichen Nachwirkungen bedeutete.
Mannschaft 1 waren mein Hausarzt, der Radiologe und der Chirurg. Mannschaft 2 waren der Oberarzt, die Stationsärztin und der Pathologe. M1 wollte mir partout die OP ausreden, M2 bestärkte mich in meinem Entschluss die OP durchführen zu lassen und den Dreck raus zu holen.Nach einigen schlaflosen Nächten entschied ich mich für die 6 Stunden Operation, trotz nicht gerade weniger Bedenken. Am 02.05.1991 war ich zurück ins Krankenhaus und für Mittwoch, den 08.05.1991 wurde die Operation für 09:00h vereinbart. Am Vorabend erschien plötzlich nochmals der Chirurg obwohl schon alles besprochen und unterschrieben war. Er schilderte mir ausführlich welches Risiko es bedeutete, welche Schmerzen ich im Anschluss bei jedem Atemzug haben würde. Kein Lachen, kein Husten wäre möglich, einige Rippen gebrochen und irgendetwas musste ziemlich stark gespreizt werden. Sichtlich verärgert nahm er zur Kenntnis, dass ich es trotzdem hinter mich bringen möchte, denn so ein Ei in der Lunge ist nicht jedermanns Sache. Oder wie die Stationsärztin sagte: "Das könnte wie ein Blindgänger aus dem Krieg sein. Wenn es noch explodiert, dann ist es aus und vorbei".

Am nächsten Morgen wurde ich ganz früh penibel rasiert, bekam einige Kanülen in die Arme und gegen 0700h bereits die LmaA Pille. Das Problem war, ich wurde nicht abgeholt. Gegen 1100h bekam ich eine weitere Pille die mich beruhigen sollte. Gegen 1330h erschien der Chirurg, stellte sich vor mein Bett und sagte er hätte gerade einen schwierigen Notfall operiert und jetzt sieht er sich nicht in der Lage so eine schwere Operation durchzuführen. Wir könnten ja einen neuen Termin vereinbaren. Bis heute habe ich sein Gesicht nicht vergessen und wünsche mir manchmal, dass ich ihm einfach eine geknallt hätte. Habe ich nicht, bin aber wutentbrannt um 1500h nach Hause gefahren, nicht ohne meine Wut noch deutlich zum Ausdruck zu bringen. Zumindest die Stationsärztin zeigte Verständnis dafür.

Fazit der Geschichte: Das Ei ist immer noch da, die Beschwerden auch und genauso die Blutungen. Immerhin wird es als Teil meiner Schwerbehinderung anerkannt, denn die Lungenfunktion ist nicht unerheblich eingeschränkt. Zusätzlich kann ich mich manchmal bei den Ärzten wichtigmachen. So wurde 28 Jahre später (ohne dass ich einer später folgenden Geschichte vorgreifen möchte) während einer Ärztekonferenz meine eigentlich lebensbedrohende Erkrankung nur kurz diskutiert um anschließend 30 Minuten über meine Bilder der Lunge zu fachsimpeln. Doch so lustig das alles klingt, eines kann ich auch sagen: Was bleibt ist die Angst!

Erinnerungen von Peter Alexander Christerer
#k06-08 - Eine segensreiche Einrichtungmp3

Manchmal gibt es komplexe Situationen im Leben, in denen ich mich hoffnungslos überfordert fühle. Meistens trage ich das oder die Probleme mit mir rum und fechte den Kampf in meinem Inneren aus. Wenn ich dann eine Lösung gefunden habe, versuche ich diese konsequent umzusetzen. Meistens allerdings wenig sensibel und mit maximalem Druck auch gegen mich selbst. Das ist oft nicht sehr schön, kann zu Zerwürfnissen führen und schmerzt mich meist selbst außerordentlich, doch wie es ist, so ist es eben "There's no time to explain, yes that's the way it is....".
Ende der 1980er, Anfang der 1990er war ich in so einer Ausnahmesituation. Selbst mit meinem Leben, speziell was mein Familienleben anbelangte, vollkommen unzufrieden, trat in meinem näheren persönlichen Umfeld ein Suchtproblem auf. Da ich diese Person schon lange kannte, sie mir nahesteht und ich sie sehr schätze, wollte ich unbedingt helfen. Damals gerade 30 Jahre alt und mit eher rauem Gemüt ausgestattet, dachte ich das funktioniert nach dem Motto "Hör endlich auf mit dem Scheiß,…". Heute 30 Jahre später weiß ich, bei jeder Sucht ob Übergewicht, Alkohol, Rauchen, Rauschgift, Medikamente etc. bedingt es schon deutlich mehr als ein paar blöde Sprüche.

Wer mir den Tipp gab oder wie ich auf die Organisation "Blaues Kreuz" kam, weiß ich nicht mehr, doch es war das Optimale was geschehen konnte. Es war für mich unerheblich wer (evan. Kirche? Diakonie?) dahinter steckt und welche professionellen Therapien angeboten wurden. Entscheidend war, dass es in München mehrere Selbsthilfegruppen in verschiedenen Stadtteilen gab, deren Leitung jeweils von einem Suchtkrankenhelfer durchgeführt wurde. Dazu trafen sich 1x in der Woche die Hilfesuchenden in einem meist von der Kirche zur Verfügung gestellten Raum und es wurden ca. 1,5 Stunden Probleme angesprochen und diskutiert. Horst, der Leiter "meiner" Gruppe war im Hauptberuf Ingenieur bei Siemens, dementsprechend waren keine superschlauen Psychologensprüche zu erwarten. Seine Aufgabe war auch moderieren und nicht therapieren.
Überragend für mich waren jedoch die Tatsachen, dass a) keine bestimmte Sucht oder Problematik (auch wenn der größte Anteil Alkoholkranke betraf) vorhanden sein musste und b) dass nicht nur Erkrankte sondern auch Familienangehörige, enge Freunde oder sonst wie Betroffene an den Sitzungen teilnehmen durften. Ich habe dabei sehr viel über die "Co-Abhängigen" gelernt.

Jedenfalls habe ich seither nie wieder Menschen getroffen, die so offen, direkt und ehrlich über ihre Probleme und Situation sprachen. Es war so hilfreich für mich, obwohl der Mensch, der für mich wichtig war, längst die Gruppe verlassen hatte und seither diesbezüglich kein Problem mehr hat, dass ich noch mehrere Jahre dabeiblieb. Viele Gesichter der "Stammgruppe" sind mir noch erinnerlich, ganz besonders eine Christine und ein Franz. Leider hat es Franz nicht geschafft und die Entscheidung getroffen, vorzeitig den Gang ins Nirvana anzutreten. Auch Ludwig -ein Manager von BMW- werde ich nicht vergessen. Vor Arroganz triefend kam er -aufgrund richterlicher Anordnung- in die Gruppe und wurde ein wertvolles Mitglied. Und das obwohl seine Auflage längst erfüllt war.
Nach 4 Jahren wurde mir sogar angeboten eine Ausbildung zum Suchtkrankenhelfer zu machen und Gruppenleiter zu werden. Das wollte ich aus verschiedensten Gründen nicht. Zusätzlich habe ich es strikt abgelehnt -als nicht Alkoholabhängiger- freiwillig vollständig auf Alkohol zu verzichten.
Eines kann ich jedoch ganz sicher sagen: Jeder der in eine solche Ausnahmesituation gerät wie oben beschrieben, sollte darüber nachdenken ob er nicht Hilfe in Anspruch nimmt. Ob bei einem "Hauptberufler" oder in einer Selbsthilfegruppe ist egal. Es kostet nichts und kann dich unterstützen. Für mich waren die Leute in "meiner" Gruppe vom Blauen Kreuz auch eine große Hilfe und Unterstützung was meine nächste Geschichte "In der Hölle sollst du schmoren, Herr Chirurg!" anbelangt.

Erinnerungen von Peter Alexander Christerer
#k06-07 - Die Welt des Glückspielsmp3

Schon immer vom Flair (zumindest was man im Fernsehen sieht) eines Spielcasinos fasziniert, entschied ich mich eines aufzusuchen. Trotz der Pleite mit meiner Teilhaberschaft -siehe vorherigen Beitrag- befanden sich schon noch einige DMärker auf meinem Konto und die mussten unters Volk gebracht werden. Natürlich war das Ziel ein paar Mark zu gewinnen und nicht zu verlieren.
Das mir bekannteste Spielcasino im Raum München befindet sich in der Gemeinde Bad Wiessee am Tegernsee. Also rein in den Kommunionsanzug und ab auf die Autobahn. Dort angekommen war ich zuerst einmal ziemlich enttäuscht! Nichts war's mit dem "James Bond Glamour", sondern eine unüberschaubare Anzahl der deutlich Ü60 jährigen war anwesend. Die Kleiderordnung war sehr locker gehandhabt, so dass selbst Strickwesten mit Ärmelschonern zu sehen waren.

Unvergleichlich ist allerdings der Blick auf den Tegernsee, wenn die Sommernacht beginnt. Die Landschaft rundherum ist schon ganz was Besonderes, einfach Bayern. Die Geräuschkulisse war hoch, denn die älteren Damen und Herren waren doch sehr aufgeregt und schnatterten was das Zeugs hielt. Zuerst dachte ich es handelt sich um einen Betriebsausflug eines Altersheims. Dennoch hatte es irgendetwas, was meine Neugierde und den "Jagdtrieb" weckte.
Schnell war mir klar, dass es mit dem Gewinn eher dem Zufall überlassen ist, wenn du einfach nur auf irgendwelche Zahlen oder Kombinationen setzt. Deswegen beobachtete ich die 1/3 und 1/2 Chancen. Dabei rechnete ich mir erheblich höhere Chancen aus und beschloss wiederzukommen. Lange Rede gar kein Sinn. In Wiessee versuchte ich "mein" System umzusetzen und stellte fest, dass ich dabei eine weitere Person brauchte. Meine 1. Ehefrau hatte diesbezüglich (außer am Gewinn) keinerlei Interesse, aber es war ihr -wie immer- völlig egal, wenn ich dazu andere Frauen (meist jung und sehr attraktiv) mitnahm. Nach einiger Zeit -ich fuhr inzwischen mindestens 1x pro Woche nach Wiessee- hatte ich eine "Stammbegleitung" in Form einer jungen sehr ansehnlichen lady, die zudem eine Kollegin war. Hier sei noch erwähnt, dass es zumindest damals (um 1990) für Mitarbeiter des BND streng verboten war, ein Spielcasino zu besuchen.

Leider war es wohl ein ewig andauernder Betriebsausflug, denn der Altersdurchschnitt war immer sehr hoch. Das wäre eigentlich nicht schlimm, doch leider hatten mehrere ältere Damen die Angewohnheit mich bei meiner Spielart zu beobachten und das auch zu kommentieren, denn die Einsätze waren oftmals sehr hoch. Als jedoch eine Dame neben mir gefühlt 25x relativ laut meinte "Leck mich am Arsch" sagen zu müssen, weil ICH gerade 12.000 DM verspielt hatte (was einen Gesamtverlust von 23.950 DM bedeutete), wusste ich dass der richtige Zeitpunkt gekommen war, a) den Standort und b) das System zu ändern.

Beides war easy. Der Standort war künftig Garmisch-Partenkirchen und das System wurde auf einfache Chancen bei einem Einsatz von 500 anstatt 50 DM geändert. Bei dieser Summe wurde dann die Wiederholfrequenz von 3x auf 5x gesetzt. Das heißt übersetzt: 2 Leute beobachten alle Tische im Saal ob eine Chance (gerade/ungerade, 1-18/19-36, rot/schwarz) 5x hintereinanderkam. Sollte das der Fall gewesen sein, setzte ich auf die andere Farbe/Zahl 500 DM, dann 1000, dann 2000, bis 16000. Das Problem war, dass in Garmisch nur an einem Tisch 12000 ansonsten höchstens 8000 auf eine einfache Chance gesetzt werden durften. Auch hier kam dann die zweite Person zum Einsatz und setzte den fehlenden Betrag bis 16000 DM.

Das Altersheim war weiterhin da und ich wusste auch warum: In München am Hauptbahnhof fuhr ein "Zubringerbus" für lau am frühen Abend zu den Casinos und brachte sie gegen 23:30h wieder zurück. Da ich zum "arbeiten" immer nur unter der Woche hinfuhr und am nächsten Tag ins Büro musste, war es schwierig den Alten aus dem Weg zu gehen.
Fazit: Es war eine spannende Zeit! Das Flair ist zu einer bestimmten Zeit richtig gut, die Leute -Berufsspieler wie ich :-)- sehr interessant und ich hatte großartige Abende, denn wenn meine Arbeitskollegin nicht dabei war, ging es mit den Mädels vorher noch schön zum Essen und es waren immer sehr angeregte Gespräche. Meistens ging es dann noch auf einen Absacker zum Schauer Sepp nach Grünwald. Der Aufenthalt mit den Ladys im Casino war auch super, die Bar war gut und die Gäste dort sehr angenehm.

Was ganz klar für alle die es als Arbeit, als Beruf betrachteten war, dass Disziplin unabdingbar erforderlich ist. Du darfst bestimmte Prinzipien nicht vergessen, sonst wirst du auf Dauer verlieren. Die meisten Berufsspieler die ich kennenlernte (am Ende fuhr ich durchschnittlich 3x die Woche nach Garmisch) hatten ein monatliches Durchschnittseinkommen von 3-8000 DM und ich habe keinen Grund daran zu zweifeln.
Meine Art zu spielen wäre sicher nicht auf Dauer durchzuhalten, denn es war schon anstrengend bzw langweilig ständig zu warten. Es ist ganz sicher nicht die Regel, dass eine einfache Chance häufig 5x mal kommt. Aber ich erlebte auch dass die Wiederholung 21X stattfand und ich bin leider beim 12X eingestiegen. Wenn ich verloren hatte waren immerhin 31.500 DM weg und das hieß ich musste 11 Abende erfolgreich abschließen bevor ich mir einen erneuten Verlust leisten konnte. 11X weil mein Prinzip war, dass nach 3.000 DM Gewinn bzw. wenn ich allein dort war nach 2.500 DM Schluss war. Das konnte schon (ist mir nur einmal passiert) nach 30 Minuten sein oder sich aber ziemlich lange hinziehen.
Auch wenn man es bei meiner Mentalität gar nicht glauben mag, aber über diese Zeit führte ich wie der ärgste Korinthenkacker Buch und kann sagen, dass es mehr oder weniger +- Null ausgegangen ist. Dabei wurden auch die 500,- DM für die Begleitungen bei Gewinn, das Benzingeld, die Spesen etc. eingerechnet. Na was willste mehr? Und wo lernst du schon Menschen kennen, die in ihre Sakkotasche greifen, eine Handvoll rechteckige Chips (1000DM) rausholen und auf den Roulette Tisch mit dem Kommentar "Ist doch alles nur Plastik" werfen. Spaß hat es gemacht und das ist was zählt!

Die nächste Geschichte ist weniger lustig, war aber eine sehr wertvolle Erfahrung in meinem Leben. Meine Zeit beim Blauen Kreuz.

Erinnerungen von Peter Alexander Christerer
#k06-06 - Die große Pleitemp3

Wann genau es geschah, dass ich mir einen der neuen supermodernen Blechtrottel -auch PC genannt- anschaffte, das weiß ich nicht mehr. Animiert durch einen Freund -Reiner R.- der sich etwa 1984 einen Brotkasten (Commodore C64) anschaffte, kaufte ich mir auch so ein Teil und etwas paar später fing ein anderer Spezi -Gerhard G.- doch tatsächlich mit einem PC an. Er war auch der erste, der in meinem Bekanntenkreis einen PC mit einer Festplatte von sage und schreibe ZWANZIG MEGABYTE hatte. Zu einem irren Preis. Mein Bruder Otto besaß einen Commodore Amiga.

Es ist schwer sich vor zu stellen wie in dieser Zeit gearbeitet wurde. Mit Tapelaufwerken am C64, 5 ¼ Floppys und später ein Riesenfortschritt mit 3,5 Zoll Speichermedien am PC. Seitenweises Abtippen von Quellcode aus Computerzeitschriften war normal und später mit Akustikkoppler und ätzend langsamen Modems ins "Internet". Dieses kann man im Vergleich zu heute nicht mehr beschreiben.

Von Beginn an faszinierte mich am PC die Programmierung und so lernte ich, mehr schlecht als recht, autodidaktisch Basic, Turbo Pascal und dann auch noch C++. Dass es mir später den Übertritt in den gehobenen Dienst ermöglichen sollte, wusste ich da noch nicht. Natürlich waren die Blechtrottel auch in der Firma ein riesiges Thema und dabei kam ich über einen Arbeitskollegen mit einer kleinen, aber feinen Computerfirma in Berührung. Die "Garnet Weiss Systemtechnik" bestand aus Eddi Weiss als Geschäftsführer und ein paar Informatiker/Programmierern. Soweit ich mich erinnere wurde dort auch Zubehör verkauft und kleinere Reparaturen vorgenommen.

Zuerst nur als Kunde, war ich immer häufiger dort, besonders als die Firma vom Osten Münchens in die Blumenau umzog. Schnell stellte ich fest, dass Eddi ein genialer Verkäufer war, aber von Programmierung nur "Zeitschriften" Wissen hatte. Ich selbst hatte mich bereits auf die Firma Mircosoft spezialisiert und hatte schon detaillierte Kenntnisse in den belächelten (völlig zu Unrecht, denn damit konnte man wirklich Geld verdienen) Programmiersprachen Wordbasic und auch "Excelbasic" als Vorgänger des heutigen Standards in den Office Produkten: Visual Basic for Applications (VBA). Es ergab sich, dass ein größerer Versicherungskonzern in München dringend ein Produkt suchte, welches verschiedene Finanzierungsszenarien abdeckte. Der Vorgaben waren: Excel konform, ansprechende Eingabemaske (Zur Erinnerung MS-DOS hatte keine grafische Benutzeroberfläche) und simpel von jedem Mitarbeiter zu bedienen. Das war der Moment als Eddi mich ansprach ob ich das konnte, denn Schnittstellen und Rootkids und ähnlichen Shit, den gab es genauso wenig wie "Anwendungsprogrammierer". Gemeint waren Leute, die die Anwendung (hier Excel) beherrschten, diese aber mit Bordmitteln zusätzlich programmieren konnten.

Das Angebot den Auftrag als freiberuflicher Programmierer zu übernehmen lehnte ich ab und bot stattdessen eine Beteiligung als 50%iger Gesellschafter an der Firma an. Eddi war begeistert, denn die Vorfinanzierung von damals exorbitant teuren Informatikern war horrend. So kaufte ich mich für einen hohen 5-stelligen Betrag ein und war fortan Gesellschafter. Mein Job war, die teils freiberuflichen, teils fest Angestellten PC-Freaks (den Begriff Nerd gab es noch nicht) zu beaufsichtigen und ggf. einzuschreiten, während sich Eddi um Aufträge kümmern sollte.
Es war eine spannende Zeit. Hochmodern führte ich damals flexible Arbeitszeiten -ich war ja selbst hauptberuflich tätig und erst ab 17h vor Ort- ein und gab nur feste Abgabezeiten vor. Funktionierte gut und ich profitierte eine Menge, denn es waren wirklich Nerds, besonders im Bereich Netzwerk. Das Entscheidende für die Jungs war, dass sie bei uns kostenlos die Telefonleitungen belegen konnten und das war teuer damals. Aber es war schon prickelnd wenn man sieht wie es möglich ist, in das Netzwerk einer Firma mit mehr als 10.000 Mitarbeitern einzudringen.

Und dann kam der der dicke Knüller. Eddi hatte den Wahnsinns Auftrag an Land gezogen. Wir sollten für eine Firma, die LOEWE (damals eine Elektronik Firma u.a. mit exzellenten Fernsehern) Programme zur Steuerung von Leiterplatinen erstellen. Die bisherigen Partner in Südost Asien erwiesen sich als nicht mehr zuverlässig. Wir hatten einen Vorlauf von ca. 14 Monaten und wussten, das bindet die Kapazität von mindestens einem Programmierer. Und wir legten massiv los, was aber kaum mehr Platz für andere, neue Aufträge lies.

Das Ende ist schnell erzählt: Nach etwa einem Jahr kurz vor Vollendung der ersten Betaversion, bekamen wir Besuch von 3 Managern der Auftragsfirma. Sie erklärten uns, dass sie nach Grenzöffnung Richtung Osten eine ganz erheblich kostengünstigere Softwarefirma im nahen Tschechien gefunden hatten und den Auftrag dieser Firma erteilen werden. Leider war Eddi zwar ein genialer Verkäufer aber eben kein Jurist. Er hat schlicht und ergreifend keine Ausstiegsklausel oder Abstandszahlung etc. vereinbart. Die Beerdigung der Firma Garnet Weiss Systemtechnik erfolgte schnell und geräuschlos und war eine unangenehme Erfahrung. Ich hätte durchaus bessere Ideen gehabt, wie man Omas Erbe unter die Leute bringen kann. Zwar war es nur ein verschmerzbarer Teil davon, doch es tat schon weh.

Erinnerungen von Peter Alexander Christerer
#k06-05 - Ein trauriger Geburtstagmp3

Nach dem Tod von Oma war der Erbengemeinschaft, die aus 6 Teilen mit 4 Teilnehmer bestand -wobei Tante Hilde, die Tochter von Oma, 3 Teile erhielt- klar, dass der Verkauf aller Grundstücke das Beste war. Ob es für Liane, die als Mutter zur Bevollmächtigten meiner minderjährigen Schwester Kathrin ernannt wurde, das Beste war, da bin ich mir nicht so sicher. Sie bewohnte ja in einem der Anwesen eine Wohnung und somit stand dann ein Umzug bevor.
Es mag pietätslos erscheinen, aber es war nun einmal eine Tatsache. So traurig mich der Tod von Oma auch stimmte, er brachte zumindest für meinen Bruder Otto und mich eine erhebliche finanzielle Entlastung. Neben den noch zu veräußernden Grundstücken gab es auch eine Stange Bargeld und natürlich wurde dieses auch sofort eingesetzt. Jeder besorgte sich notwendige Dinge und Otto kaufte sich u.a. einen nagelneuen VW Golf. Das war auch notwendig, denn nach meiner Erinnerung wohnte er damals schon am Stadtrand von München in Puchheim. Trotz S-Bahn war für Besprechungen und eben Feierlichkeiten ein Auto schon zweckmäßig.

Am 02.09.1989 gab es einen Anlass für so eine Party. Unsere Schwester Kathrin hatte ihren 12. Geburtstag und Kaffee und Kuchen wurde aufgetischt. Von jetzt an sind mir leider viele Details nicht mehr erinnerlich, obwohl der Tag durchaus auf der Top 10 Liste der dramatischten Ereignisse in meinem bisherigen Leben dabei ist. Zu beachten ist, dass es tatsächlich die Zeit VOR Handys, Internet oder ähnlichem Schnickschnack war.

Ich weiß zum Beispiel nicht mehr, wer alles zur Party eingeladen war. Gehe aber davon aus, dass ein paar Leute anwesend waren. Nur einer kam nicht. Otto! Es war eigentlich nicht seine Angewohnheit unpünktlich zu sein und nach einer Weile machten wir uns schon Gedanken. Denn wenn er verhindert gewesen wäre oder mit meinem Neffen Bernhard irgendetwas im Argen geschehen wäre, hätte er sich auch ohne Handy sicher gemeldet.

Nun nachdem wir ihn auch per Festnetz nicht erreichen konnten fing ich an, die auf dem Weg von Puchheim nach Solln befindlichen Polizeidienststellen anzurufen. Doch dort war auch nichts bekannt. Glücklicherweise gab es auch damals schon eine Rettungsleitstelle, welche die Kranken- und Notarzteinsätze koordinierte. Dort erfuhr ich, dass aufgrund eines schweren Verkehrsunfalls in der Tischler Straße ein gewisser Bernhard Christerer in das Haunersche Kinderkrankenhaus am Goetheplatz eingeliefert worden ist.
Glücklicherweise hat das Gehirn (zumindest meines) eine "Schockfunktion" welche mich meist kühl und pragmatisch in solchen Situationen reagieren lässt. Unverzüglich begab ich mich auf den Weg in diese Klinik und war doch etwas "erleichtert" als ich erfuhr, dass Bernhard "nur" einen Schlüsselbeinbruch und ein paar Schrammen abbekommen hat. Das Problem war Otto. Was ich bis heute absolut nicht kapiere ist, wie viele Mediziner (ob er sich weigert oder nicht) offensichtlich nicht erkannten, in welchem Zustand er sich befand. Dass er seinen Sohn nicht allein ließ bis alles geklärt war ist logisch, doch danach hätte das Klinikpersonal etwas unternehmen müssen.

Wie es sich ergab, dass wir die Kinderklinik verließen und Otto in meinem Auto saß, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls gab ich -großer Bruder oder nicht- nicht nach und fuhr mit ihm zum Krankenhaus am Rotkreuzplatz. Man glaubt es nicht, aber dort wurde ich abgewiesen, obwohl ich eindringlich auf die Brisanz (Otto war im Auto, die Treppen hätte er nicht mehr steigen können) hinwies. Zum Diskutieren war keine Zeit also fuhr ich weiter in die Romanstraße in das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder und dieses Mal gleich in die Notaufnahme wo auch der Notarzt hält.
Dort wurde zuerst etwas routinemäßig vorgegangen, doch plötzlich ging es schnell. Irgendwie muss mich mein Bruder auch noch bevollmächtigt haben, denn der Arzt teilte mir eine nicht fröhlich stimmende Diagnose mit. Gleichzeitig erklärte ich dem Arzt, dass er nicht befugt ist irgendwelche Auskünfte gegenüber der Polizei zu machen und ich einer Befragung meines Bruders zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zustimmen werde. Denn zwischenzeitlich war mir bekannt, dass bei dem Unfall mindestens eine weitere Person schwer verletzt worden war und wer weiß was Otto in seinem Schockzustand erzählt hätte.

Dankenswerterweise war der Arzt ohne großes Palaver einverstanden und schockte mich umso mehr, als er mir erklärte, dass der Zustand von Otto lebensbedrohlich ist. Der Gurt hatte ganze Arbeit geleistet und im Brust- aber besonders im Beckenraum für ganz erhebliche Verletzungen und massiven inneren Blutungen gesorgt. Diese müssen zum Stillstand gebracht werden und dann solle ich beten, dass er diese Nacht überlebt.
Nun Gott bzw. den Ärzten sei Dank er hat es überlebt und durfte einige Zeit in dem Krankenhaus verbringen. Ich glaube einen weiteren Todesfall nach 1970, 72, 74, 81, 89 hätte ich auch nicht mehr auf die Reihe bekommen. Sowohl Bernhard als auch Otto kamen wieder gesund nach Hause. Wie lange es dauerte, was die Unfallursache war und auch wie die Verhandlung (es gab doch sicher eine) wegen dem Unfall ausging, weiß ich nicht mehr. Das ist auch unerheblich, denn mir zeigte es ein weiteres Mal wie schnell ein schöner Tag, das gesamte Leben in Sekunden auf den Kopf stellen und sich ins Gegenteil wandeln konnte.

Jedenfalls stärkte mich der gesamte Vorfall mein Leben weiter in einer hedonistischen Art zu führen. Es kann ganz schnell vorbei sein und selbst wenn nicht, wer garantiert mir, dass ich das Leben im Alter noch genießen kann? Mag sein, dass ich egoistisch und dekadent bin, aber ich stehe dazu: Spaß, Lust, Freude und Genuss! Wem es nicht passt sagte ich auch damals schon: I don't care, I don't give a fuck.

Erinnerungen von Peter Alexander Christerer
#k06-04 - Maria Schrottmp3

Meine Großmutter Maria Schrott, geb. Christerer wurde am 17.07.1901 in Inham (Weiler) im schönen Rottal geboren. Später (1952) wurde Inham in Griesbach (Stadt ab1953, Bad Griesbach ab 2000) eingemeindet. Leider habe ich mich mit Oma nie intensiv über ihre Kindheit oder auch ihr Leben unterhalten. Es wäre bestimmt spannend gewesen, etwas über ihre Herkunft und ihre Geschwister (mir sind nur Martin und Käthi bekannt) zu erfahren.

So bleibt mir nur das Wenige und heute merke ich, dass da eine Lücke ist, die ich nicht mehr füllen kann. Ich hörte von unterschiedlichen Menschen deren Einschätzung, was Oma und im Besonderen ihren Charakter betraf. Aber es ist immer leicht den Stab über jemanden zu brechen, ohne die Historie dieser Person nachzuvollziehen. 1901 war Bayern noch eine Monarchie geführt vom Prinzregent Luitpold.

Sie erlebte als junges Mädchen (13-17Jahre) den ERSTEN Weltkrieg mit und verlor in diesem ihren Bruder (meinen Großonkel) Martin. Mit 21 Jahren bekam sie 1922 eine uneheliche Tochter, meine Tante Hilde. Von 1918 - 1933 kam sie während der Weimarer Republik in den zweifelhaften Genuss, die Hyperinflation mitzumachen. Dabei verloren nahezu alle "normalen" Menschen ihr gesamtes Hab und Gut. Natürlich gab es wie immer einige Profiteure wie Großindustrielle und ganz zu vorderst den Staat, der seine Kriegsschulden auf einen Schlag los war.
Im August 1931 gebar sie ihr zweites uneheliches Kind, meinen Vater Otto. Von 1933-1945 hatte sie dann mit der Nazizeit und dem ZWEITEN Weltkrieg zu kämpfen. Wann sie ihren späteren Ehemann, meinen Stiefopa Rudolf Schrott kennenlernte, weiß ich nicht mehr im Detail. Nur dass er wohl so etwas wie ein Vorarbeiter in einer großen Metzgerei mit mehr als 40 angestellten Metzgern war. Mit ihm zog sie dann später in die Parkstadt Solln, wo sie ihr restliches Leben verbrachte.

Ich lernte sie eigentlich erst ab 1976 so richtig kennen, als wir von Fürstenried nach dem Tod von Opa nach Solln umzogen. Dort führten wir häufig im Gartenhaus Gespräche, mal witzig, mal weniger witzig und öfters bekam ich eine Strafpredigt zu hören um dann 2 Stunden später ein Stück selbstgebackenen Kuchen von ihr zu bekommen.
Sie versuchte mir "anständiges Leben" beizubringen, hörte aber dann doch gerne die Geschichterln der Jugend. Auf meine Fragen wie man solch schwere Zeiten übersteht und sich trotzdem die Lebenslust erhält, antwortete sie meistens, dass sie einfach andere Werte und Vorstellungen vom Leben hatten. Sie freute sich, wenn sie nach einem harten 16-stündigen Arbeitstag, inklusive auf den Knien Boden schrubbern, am Sonntag ein paar Stunden von den "Herrschaften" frei bekam und 1 oder 2x im Jahr tanzen gehen konnte. Wenn ich es mir überlege, hatte sie eigentlich ihr ganzes Leben lang gearbeitet. Sicher hätte man das anders organisieren können, aber es war halt nunmal das Wesen von Oma und Opa.

Legendär waren meine Diskussionen mit ihr, wenn es darum ging, dass sie mit über 80 Jahren nicht vollgepackt wie ein Maulesel mit Bus und Tram fahren und dann durch den halben Friedhof rennen soll. Als ich nur die Wörter Taxi und Gärtner in den Mund nahm, ging der Punk ab. Und das obwohl sie soviel Finanzmittel hatte, dass sie es niemals hätte ausgeben können.
Wenn ich sagte, dass nach ihrem Tod alles verkauft werden würde und ich die gesamte Erbschaft aber so was von raushauen würde, wurde sie wütend und schimpfte mich aus. Meistens endete die Diskussion mit: "Da bist du noch zu jung, das verstehst du jetzt noch nicht!" Nun Oma, ich habe die Erbschaft rausgehauen und schön wars, dank dir!

Im Frühjahr 1989 erlitt Oma einen Schlaganfall. Ich werde nie vergessen, als sie bei meinem ersten Besuch im Krankenhaus sagte: "Ach der Peter. Gott sei Dank bist du da, denn du reißt mir jetzt das Herz raus, damit ich sterben kann." Glücklicherweise konnte sie in meinem Beisein den Oberarzt der Klinik mitteilen, dass sie, sollte noch etwas geschehen, keinerlei lebensverlängernde Maßnahmen wünscht. Einige Tage später erlitt sie einen weiteren Schlaganfall und fiel ins Koma. Wir hielten abwechselnd Nachtwache, damit sie nicht alleine ins Nirwana gehen muss und auch diese Erfahrung möchte ich nicht missen. Sicher war es gruselig die Nacht in einem abgedunkelten Zimmer mit einem sterbenden, manchmal leisen röchelnden und stöhnenden Menschen zu verbringen. Doch ich hatte Zeit mich von ihr zu verabschieden und das ist mir viel Wert.
Am 18.06.1989 verstarb meine Oma im 88. Lebensjahr

R.I.P. Oma du warst mein Vorbild zu kämpfen, wenn das Leben wieder einmal keine Praline für dich parat hält.