Erinnerungen von Peter Alexander Christerer

Peter Alexander Christerer


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Widmung

Dieses Buch ist jemanden gewidmet, den ich von ganzen Herzen liebe und achte. Noch nie wurde ich von diesem Menschen im Stich gelassen oder gekränkt.

Dieses Buch ist mir gewidmet.

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#k06-09 - In der Hölle sollst du schmoren, Herr Chirurg!mp3

Das Jahr 1991 begann ab Mitte Januar etwas schräg. In der Ehe kriselte es. Obwohl das stimmt eigentlich nicht. Beide hatten sich mit der Situation arrangiert. Es hatte sich heraus kristallisiert, dass die Lebensauffassungen und Temperamente beider zu gegensätzlich waren. Doch Mitte Januar bekam ich eine Erkältung und in ganz kurzer Zeit hatte ich -von mir selbst diagnostiziert - eine Bronchitis. Als ich mich dann doch zu meinem Hausarzt dem guten alten "Schmidl" begab, war dieser gar nicht amused, denn die Geräusche beim Abhören der Lunge verhießen nichts Gutes.

Was folgte war eine Tortur mit Besuchen bei verschiedenen Lungenspezialisten und Radiologen. Ob Dr. Schmitt ein guter Arzt oder nicht war, kann der Laie nur schwer beurteilen. Aber dass er ein gewissenhafter war, konnte ich feststellen. Nachdem alle Untersuchungen und Befunde keine Klarheit brachten, nur immer ganz ernste, besorgte Blicke hervorriefen, meinte der Doc, das muss geklärt werden und überwies mich zur stationären Aufnahme in das Zentralkrankenhaus Gauting mit einer Spezialabteilung für Lungenerkrankungen. Am 15.02.1991 marschierte ich fröhlich aber nicht mehr ganz fidel dort ein und hatte gleich eine Auseinandersetzung mit dem Stationsarzt.

Das Erste was der Typ wissen wollte war ob ich rauche. Wahrheitsgemäß antwortete ich mit ja. Was folgte war eine Standpauke von ihm mit so geistreichen Äußerungen wie "Warum ich das tue und ich soll das sofort unterlassen". Nun meine Entgegnungen waren auch nicht von schlechten Eltern und so beschlossen wir, keine guten Freunde zu werden. Dann stellte ich fest, dass unter dem Dach ein Aufenthaltsraum für mobile Patienten war und dort war Rauchen erlaubt. Yoooo gefundenes Fressen für mich und wie ein vor Wut schnaubender Stier tauchte ich vor dem Doktor auf und stellte ihn zur Rede. Leider war die Antwort zutreffend und blamabel für mich. Er meinte, wenn es diesen Raum nicht gäbe würden so egoistische, rücksichtslose Süchtige wie ich evtl. auf der Toilette rauchen und frisch Operierte gefährden. Nicht von der Hand zu weisen, speziell nachdem was ich dort bezgl. Rauchen alles erlebte. Positiv dabei war, dass ich bereits am 3. Tag schlagartig mit dem Rauchen aufhörte und erst 10 Jahre später wieder anfing. Glücklicherweise war der Unsympath nur Vertretung und mit der "richtigen" Stationsärztin kam ich deutlich besser aus.

Ich weiß nicht mehr was alles für Untersuchungen durchgeführt wurden, wieviel Flüssigkeiten und Gewebe mir entnommen wurde und in welche Teile dieser Welt von Schweiz bis USA das alles geschickt wurde. Eines weiß ich aber noch ganz genau: Eine Bronchoskopie war zur damaligen Zeit eine der schlimmsten und schmerzhaftesten Untersuchungen die ich je hinter mich brachte, besonders weil ich beinahe bei vollem Bewusstsein daran erstickt wäre. Nichts änderte sich, mal waren Blutungen stark mal schwach, mal die Schleier dichter mal wenig dicht. Am 01.03. verließ ich Klinik um als Kompromiss -der Chirurg wollte zu diesem Stadium keine derartige OP durchführen- eine 6-wöchige Chemotherapie durchzuführen und dann, falls sie nicht anschlägt, das Ei operativ entfernen zu lassen.

Wahrscheinlich sind die heutigen Medikamente besser und weniger mit Nebenwirkungen behaftet. Ich jedenfalls kotzte mir jeden Tag die Seele aus dem Leib und meine Haarpracht konnte spielend mit "Kojak" oder Yul Brunner konkurrieren. Der Umfang entgegen kam eher Meatloaf nahe. Und das, um nach 6 Wochen zu erfahren, dass nur marginale Änderungen erfolgt sind. Und schon nahm das Drama seinen Lauf. 6 Ärzte bildeten zwei Mannschaften. Vorausschicken muss ich, dass es eine schwere, sehr riskante Operation mit erheblichen Nachwirkungen bedeutete.
Mannschaft 1 waren mein Hausarzt, der Radiologe und der Chirurg. Mannschaft 2 waren der Oberarzt, die Stationsärztin und der Pathologe. M1 wollte mir partout die OP ausreden, M2 bestärkte mich in meinem Entschluss die OP durchführen zu lassen und den Dreck raus zu holen.Nach einigen schlaflosen Nächten entschied ich mich für die 6 Stunden Operation, trotz nicht gerade weniger Bedenken. Am 02.05.1991 war ich zurück ins Krankenhaus und für Mittwoch, den 08.05.1991 wurde die Operation für 09:00h vereinbart. Am Vorabend erschien plötzlich nochmals der Chirurg obwohl schon alles besprochen und unterschrieben war. Er schilderte mir ausführlich welches Risiko es bedeutete, welche Schmerzen ich im Anschluss bei jedem Atemzug haben würde. Kein Lachen, kein Husten wäre möglich, einige Rippen gebrochen und irgendetwas musste ziemlich stark gespreizt werden. Sichtlich verärgert nahm er zur Kenntnis, dass ich es trotzdem hinter mich bringen möchte, denn so ein Ei in der Lunge ist nicht jedermanns Sache. Oder wie die Stationsärztin sagte: "Das könnte wie ein Blindgänger aus dem Krieg sein. Wenn es noch explodiert, dann ist es aus und vorbei".

Am nächsten Morgen wurde ich ganz früh penibel rasiert, bekam einige Kanülen in die Arme und gegen 0700h bereits die LmaA Pille. Das Problem war, ich wurde nicht abgeholt. Gegen 1100h bekam ich eine weitere Pille die mich beruhigen sollte. Gegen 1330h erschien der Chirurg, stellte sich vor mein Bett und sagte er hätte gerade einen schwierigen Notfall operiert und jetzt sieht er sich nicht in der Lage so eine schwere Operation durchzuführen. Wir könnten ja einen neuen Termin vereinbaren. Bis heute habe ich sein Gesicht nicht vergessen und wünsche mir manchmal, dass ich ihm einfach eine geknallt hätte. Habe ich nicht, bin aber wutentbrannt um 1500h nach Hause gefahren, nicht ohne meine Wut noch deutlich zum Ausdruck zu bringen. Zumindest die Stationsärztin zeigte Verständnis dafür.

Fazit der Geschichte: Das Ei ist immer noch da, die Beschwerden auch und genauso die Blutungen. Immerhin wird es als Teil meiner Schwerbehinderung anerkannt, denn die Lungenfunktion ist nicht unerheblich eingeschränkt. Zusätzlich kann ich mich manchmal bei den Ärzten wichtigmachen. So wurde 28 Jahre später (ohne dass ich einer später folgenden Geschichte vorgreifen möchte) während einer Ärztekonferenz meine eigentlich lebensbedrohende Erkrankung nur kurz diskutiert um anschließend 30 Minuten über meine Bilder der Lunge zu fachsimpeln. Doch so lustig das alles klingt, eines kann ich auch sagen: Was bleibt ist die Angst!

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