Erinnerungen von Peter Alexander Christerer

Peter Alexander Christerer


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Widmung

Dieses Buch ist jemanden gewidmet, den ich von ganzen Herzen liebe und achte. Noch nie wurde ich von diesem Menschen im Stich gelassen oder gekränkt.

Dieses Buch ist mir gewidmet.

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#K04-10 - Wer Eltern hat, soll sie hoch in Ehren haltenmp3

Leicht hatte es mein Lehrmeister nicht gerade mit mir. Zuerst die langwierige Geschichte mit dem Arm, dann noch länger dauernd das Bein. Und ganz dunkel erinnere ich mich an etwas mit Nachholen der Zwischenprüfung, also auch wieder Stress. Oder die Berufsgenossenschaft wegen der Stechschutzschürze, die mir mein Lehrmeister zur Verfügung hätte stellen müssen. Natürlich war nach dem Unfall eine vorhanden. Meine Begründung wie ich mich dennoch stechen konnte, war mehr als abenteuerlich.
Doch das eigentliche Problem war der Konflikt zwischen Vater und mir. Auf der einen Seite hatte sich Liane (aus heutiger Sicht ist mir das nicht erklärbar) zu meinem Feindbild entwickelt. Möglicherweise weil ich sie nicht nur als Stiefmutter betrachtete, sondern als Metzgereiangestellte, die den -mir verhassten- „Ladendienst“ nicht so ausfüllte, wie ICH es gerne gehabt hätte.

Zudem bearbeitete ich Oma ziemlich massiv, ein neues Testament zu verfassen. Oma, so glaube ich, mochte mich trotz aller Auseinandersetzungen und Streitigkeiten, die wir hatten, sehr, sehr gerne. Einmal warf sie mich tatsächlich aus dem Haus oder ich sagte in der Wut zu ihr: „Dann schlafe ich halt unter einer Isarbrücke“. Ich verbrachte einige Tage bei Rainer E. und wenn ich mich recht erinnere, veranlasste sie sogar meinen Bruder Otto dazu, nach mir zu suchen.
Jedenfalls änderte sie tatsächlich das Testament so, dass nach ihrem Tod Vater nur ein besserer Verwalter gewesen wäre und keines der Grundstücke hätte veräußern können. Der gesamte Erbanteil von Vater wäre dann an die Enkel von Oma vererbt worden. Dass es anders kam ist unerheblich, auf alle Fälle trug dies (verständlicherweise) nicht zu einem besseren Verhältnis zwischen Vater und mir bei. Aber natürlich war jetzt Oma auch noch in diese Auseinandersetzung involviert.

Auf der anderen Seite wurden die Spannungen aufgrund meiner nächtlichen Eskapaden immer heftiger. Denn häufig wachte ich morgens einfach nicht mehr auf, um Vater in den Schlachthof zu begleiten oder in der Wurstküche zu arbeiten. Anfangs versuchte Vater mich lautstark zum aufstehen zu bewegen, doch dann resignierte er. Die verbalen Auseinandersetzungen wurden immer schlimmer und ich möchte sagen es war schon nahezu Feindschaft zwischen uns. Noch heute sehe ich diese unglaubliche Enttäuschung im Gesicht meines Vaters und das schmerzt schon enorm.
Klar war er als Lehrmeister völlig im Recht, doch wie gesagt der Konflikt hatte andere Ursachen und heute denke ich -und das ist keinesfalls als Entschuldigung meines Verhaltens zu sehen- es waren einfach die Auswirkungen der Ereignisse seit dem Tod von Wiggerl. It was just too much!

Eines Tages eskalierte die Sache. Wir standen in der Wurstküche und gifteten uns an. Nicht lautstark, sondern mit scharfen, bösen Worten. Ich weiß nicht mehr was das auslösende Moment war, jedenfalls standen wir uns beide plötzlich auf einem Meter Abstand gegenüber und wir beide hielten ein Auslösemesser in der Hand. Die Entscheidung war eine Sache von Sekundenbruchteilen, doch glücklicherweise drehte sich Vater um und begab sich in den Laden.
Von diesem Moment an, sprachen wir über ein Jahr kein Wort mehr miteinander, obwohl wir uns nahezu täglich begegneten. Wenn wir uns im Garten oder vor dem Laden sahen, war eine unglaubliche Kälte zu spüren und natürlich vergiftete das auch die Atmosphäre bei den anderen Familienmitgliedern. Besonders Oma war arg betroffen und versuchte häufig mich in meinem Zimmer davon zu überzeugen, dass ich mich versöhnen soll. Stellte mir aber auch z. B: ihre Waschmaschine zur Verfügung und gab mir Geld, denn natürlich war meine Lehre schlagartig beendet und der Geldfluss gestoppt. Nichts desto trotz legte ich die Gesellenprüfung ab und fing am 01.09.1978 bei der Firma Tengelmann als Metzger an.

Die Versöhnung begann anlässlich des 2. Geburtstages am 02.09.1979 meiner Schwester Kathrin. Ich hatte für sie eine Winterjacke gekauft und Oma gebeten, diese weiter zu geben. Daraufhin wurde ich zum Kaffee oder Abendessen, so genau weiß ich das nicht mehr, eingeladen und es begann langsam eine Annäherung.
Wenn man „mein“ Gartenhaus betrat, war über der Türe ein Bild mit einer Frau und einem Mann in würdevoller Darbietung angebracht. Am unteren Ende des Bildes stand der Spruch: „Kind, wenn du noch Eltern hast, so halte sie hoch in Ehren“.
Keine Ahnung ob junge Menschen diese Erinnerungen lesen, doch sollte dies der Fall sein, dann nehmt den Rat von einem alten Mann an: Lasst es niemals so weit kommen, wie ich es mit meinem Vater tat. Es verfolgt dich dein ganzes Leben lang, denn wenn man ein Band zerschneidet, kann man es zwar wieder zusammenbinden, doch es bleibt ein Knoten.
Du weißt nicht wieviel Zeit dir mit deinen Liebsten gegeben ist und hätte ich 1978 auch nur annähernd geahnt wie meine Lebensgeschichte fort geschrieben wird, wer weiß ob ich mich nicht etwas beherrscht hätte.

Ebenso kann es sein, dass diese Auseinandersetzungen das Immunsystem meines Vaters geschwächt hat und er später nicht mehr die Kraft hatte „seinen“ Krebs zu besiegen. Ohne dem Jahr 2019 vorgreifen zu wollen, kann ich aus eigener Erfahrung (wie die meisten meiner Leser ohnehin wissen) sagen, dass mir die psychische Verfassung UND die Unterstützung von Familie und Freunden sehr geholfen haben, um mit der Diagnose „Dickdarmkrebs“ fertig zu werden und die notwendigen Entscheidungen zu treffen. Ob diese richtig oder falsch waren, wird sich zeigen, doch es war einfach die Kraft zu kämpfen vorhanden.
Also alle die, die im Gegensatz zu mir noch Eltern haben, versucht ein bisschen respektvoll mit ihnen umzugehen. Und ab jetzt starte ich mit Kapitel 5 „Die große Freiheit, oder auch nicht!“

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