Erinnerungen von Peter Alexander Christerer

Peter Alexander Christerer


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Widmung

Dieses Buch ist jemanden gewidmet, den ich von ganzen Herzen liebe und achte. Noch nie wurde ich von diesem Menschen im Stich gelassen oder gekränkt.

Dieses Buch ist mir gewidmet.

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#K04-09a - Faulheit wird bestraft! Teil 2mp3

Also wie im Teil 1 beschrieben, meinte Oma sich ein bisschen auf den Boden legen zu müssen und zu schlafen. Klaro, dass mich der Notarzt links liegen lies und sich erstmal um Oma kümmerte. Als ich dann endlich auf der Trage lag, stellte der Notarzt fest, dass der Abtransport durch den Laden nicht möglich war. Man trug mich um das Haus und zerstörte dabei ein Blumenbeet. Oma machte mir dies später allen Ernstes zum Vorwurf. Mir hingegen war das alles völlig egal, denn ich war nur so entsetzlich müde. So müde, dass im Notarztwagen Wiederbelebungsmaßnahmen erfolgten, denn offensichtlich hatte sich mein Kreislauf ins Nirvana verabschiedet.

Nachdem ich wieder im Diesseits war, war ganz schnell Schluss mit der Freundschaft von Notarzt und mir. Der faselte nämlich etwas von „ich solle an etwas Tolles denken, wie z. B. den Sieg des FC Bayern München am Wochenende“, grrrrr!

Das Unfallkrankenhaus Rinecker am Isarkanal in Thalkirchen gelegen, hatte 1977 keinen guten Ruf und das -aus meiner Sicht- völlig zu Recht. Angekommen, gab es gleich mal ein Kompetenzgerangel zwischen dem Notarzt und dem „Erstaufnahmearzt“. Denn nach Abnahme des Pressverbandes, sprudelte mein Blut nicht mehr heraus, sondern es kam nur noch ein kleines Rinnsal hervor.
Der Ambulanzarzt vertrat im Gegensatz zum Notarzt die Meinung, dass es sich nicht um eine Arterienverletzung handelte. Er setzte sich durch und das sollte fatale Folgen haben. Mit einem (von Oberschenkelanfang bis zum Knie) schicken, stramm angebrachten Pressverband kam ich auf Station und hatte erstmal Schmerzen. Mehrfach verlangte ich immer noch mehr Schmerzmittel und konnte mir dann von einer Schwester anhören, dass die größten und stärksten Männer immer richtige Weicheier sind. Aber verdammt noch mal, es tat verflucht weh!

Gegen 18:30h kam Vater zu Besuch. Inzwischen von dem Schock erholt, war er wie immer in solchen Situationen, rau aber herzlich. Er betrachtete das gut eingewickelte, in einem schräg nach oben verlaufenden Gestell befindliche, Bein mit Besorgnis und fragte nach meinem Befinden. Ich klagte über die grausamen Schmerzen UND Schwestern und sagte, dass Schmerzmittel nicht helfen.
Vater fragte mich ob ich denke, dass die Schmerzen ein „Stichschmerz“ oder eher etwas anderes sind. Als meine Antwort war, dass etwas im Bein zerplatzt, kam eine typische „Vati-Reaktion“. Er fing an den Verband zu lösen um nachzusehen was da vorging. Nach kurzer Zeit war mein Knie freigelegt und das so etwas absonderlich aus. Es war ein paar Zentimeter höher als sonst und hatte ein blau/lila Verfärbung.

Yooo dann ging der Punk ab! Vater, ein ca. 180cm hoher, kräftig gebauter Mann, mutierte in Sekunden zum wütenden Grizzly Bär. Er stürmte auf den Gang, knurrte eine Schwester an wo hier ein Arzt sei und kam kurz darauf mit einem „Weißkittel“ wieder ins Zimmer. Diesen armen Mann hatte er im Nacken an seinem Mantelkragen gepackt und schleifte ihn vor mein Bett und stellte ihn wie ein Raubtier seine Beute dort ab. Dann wiederholte er dreimal in einem lauten, aggressiven Tonfall die Worte: „Schau dir des an. Is des normal, sag“?
Es war natürlich nicht normal und der Arzt vergaß wegen dem was er sah schlagartig den schon fast tätlichen Angriff, wurde kreidebleich, rief der Schwester sie solle SOFORT den Oberarzt herbeiholen. Dieser war schnell zur Stelle, wurde ebenso kreidebleich und gab der Schwester die Anweisungen, sofort den Chefarzt der Chirurgie Dr. Danek zuhause zu verständigen und ihn in die Klinik zurückholen. Ebenso wies er an, dass ein Operationsaal für eine länger dauernde Notoperation vorbereitet werden sollte. Jetzt war klar, dass eine Hauptader verletzt war.
Ehe ich mich versah, lag ich auf dem OP-Tisch und es folgte die erste von insgesamt drei Operationen wegen meiner Stichverletzung. Mit absteigender Zeitdauer. Die 1. 5,5Stunden, die 2. 4,5 Stunden und die 3. 2 Stunden allerdings 1980 in einem BW Krankenhaus. Die Details erspare ich mir jetzt, nur soviel: Die 13cm tiefe Wunde wurde auf 13cm breit erweitert. Es wurde septisch (eitrig), deshalb wurde auf der rechten Seite ein ca 7cm langer Schnitt hinzugefügt und ein Tunnel zur Hauptwunde geschaffen. 1980 wurde diese Stelle nach korrigiert.

Endlich in „meinem“ Zimmer angekommen, es war ein Dreibettraum, allerdings wurde das erste Bett für „Spezialfälle“ nur immer temporär belegt. Am Fenster lag ein ca. 50jähriger Mann der Ludwig genannt „Luggi“ und in die Mitte kam ich. Luggi war ein super Typ, der echt Pech mit seiner Verletzung, einem offenen Schienbeinbruch, hatte und schon ziemlich genau 6 Monate im Rinecker lag.
Ab jetzt wurde es zünftig, allerdings noch nicht sofort, denn mein Bein lag ziemlich steif in dieser schrägen Ebene und ich hatte logischerweise strikte Bettruhe. Es gab nur das Problem mit dem Gang zur Toilette. Fürs kleine Geschäft hatte ich ja die „Ente“, doch ich erklärte eindeutig und unmissverständlich, dass ich die größere Aktion definitiv nicht auf einer Blechschüssel verrichten werde. Es kam wie es kommen musste. Nach 7 Tage Verweigerung kam die Ansage entweder Schüssel oder Einlauf.
Jetzt war Plan B gefragt und der war ganz simpel: Luggi leihte mir seine Krücken und so bewaffnet marschierte ich auf die Toilette. Dieses Gefühl der Erleichterung war der Wahnsinn. Nicht bedacht hatte ich, dass selbst ein gut trainierter, starker 17-jähriger, nach zwei großen Operationen und etlichen Tagen Bettruhe weder Kraft noch einen stabilen Kreislauf hatte. Beim Rückweg merkte ich schon beim Hände waschen, dass das Karussell im Kopf immer schneller wurde. Doch wie häufig in meinem Leben, half mir der Zufall. Just als ich die Toilette verlies öffnete sich zu meiner Linken die Zimmertür und herein kam die Schwester mit einem Tablett, voll mit dem Mittagessen. Wir blickten uns ziemlich verblüfft in die Augen und ich sagte zu ihr: „Mir ist schwindelig“. Dann ließ ich die Krücken los und fiel senkrecht in ihre Richtung. Geistesgegenwärtig ließ sie das Tablett fallen und nahm mich, laut um Hilfe schreiend, in ihre Arme.

Wie ich ins Bett kam und das Bein wieder ins Gestell, das weiß ich nicht, denn ich träumte einen süßen Traum. Als ich aufwachte stand der Stationsarzt am Bettende und wollte wohl gerade zu einer Strafpredigt ansetzen, als ich ihm grinsend mitteilte, dass er sich den Einlauf sparen könne, ich hatte Stuhlgang.
Die nächsten 5 Wochen waren der absolute Wahnsinn in diesem Krankenhaus. Sex, drugs and Rock’n Roll! Zuerst etwas zu dem „Spezialbett“. Einmal hatten wir einen ca. 40-jährigen Mann in einem kleinen Gitterbett. Dieser Mann hatte eigentlich keine organische Krankheit, sondern hatte schlicht und ergreifend keinen Lebenswillen mehr. Das war damals extrem schockierend für mich, heute kann ich das nachvollziehen. Er wog nur noch ca. 43 Kilo und verstarb noch während meiner Zeit in der Klinik.
Ein anderer Mann war alkoholkrank im letzten Stadium. Er bekam tatsächlich jeden Tag einen Kasten Bier ans Bett gestellt. Nun Luggi und ich unterstützten ihn tatkräftig bei der Vernichtung des Bieres, schließlich brachte Vati öfters Wurstwaren vorbei. Und was ist eine g‘scheide Brotzeit ohne Bier. Das Problem mit dem Typen waren seine Halluzinationen. Yooo, da war action angesagt! Doch eines Nacht wurde es zu viel. Ich im Tiefschlaf, er im Kampf gegen Spinnen, welche vom Nachbarzimmer oben über die Decke in unser Zimmer kamen.
Warum er plötzlich meinte mein Hals sei auch eine Spinne, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls rettete mich Luggi mit einem gezielten Schlag seiner Krücke auf den Kopf des Spinnenvernichters. Das war das Ende vom Alkoholmann in unserem Zimmer, leider auch mit dem Freibier.

Sex, drugs & Rock’n Roll deshalb, weil selbst im Krankenhaus die sexuelle Revolution 1977 noch voll im Gange war und im 5. Stock fröhliche Ringelpiz Partys mit anfassen gespielt wurden. Yep das war der schnellste Weg zur Gesundung. Aber davon abgesehen muss ich als 17jähriger ein schnieker Bursche gewesen sein. Eines Tages kommt Frau R. ca. 30 Jahre alt zu Besuch von Luggi, dessen Nichte sie war. Frau R. war eine verheiratete Frau und zudem eine Kundin von uns.
Sie war überrascht mich zu sehen und als Luggi zum Baden musste, blieb sie noch etwas und sah sich mein Bein an, erkundigte sich was geschehen sei, lies sich die Position der Einstiegstelle zeigen und greift mir zwischen die Beine und sagt: „Nur gut, dass du nicht da getroffen hast“. Hätte mein Gesicht nicht im Spiegel sehen mögen. Jedenfalls hat sie noch 2X im Geschäft bestellt und es sich von mir nach Hause liefern lassen.

Doch das war nicht die einzige Überraschung. Urplötzlich geht die Türe auf und eine weitere Kundschaft mit Tochter kam mich besuchen. Die frühreife 13-jährige Evi B. und ihre noch sexier aussehende Mutter standen vor mir und meinten sie hätten mich nicht mehr gesehen und sich deshalb bei Vater erkundigt. Joa nach der Entlassung kam Evi zu mir ins Gartenhaus und ich besuchte dafür die Mutter und hatte als Alibi den Schäferhund einer älteren Frau, die gegenüber der Familie B. wohnte und den ich spazieren führte. So konnte ich ein Zeichen erhalten, wenn Madame B. Wert auf Gesellschaft legte.

Das Beste im Rinecker waren jedoch meine nächtlichen Ausflüge zum Wienerwald kurz vor Auffahrt zum Greiner(?) Berg. Der Laden hatte bis 0100h auf und kein Problem zwei Spinner in Nachtkleidung mit übergezogenen Jacken zu bewirtschaften. Der Andere war ein etwa 40-jähriger Mann mit einem zersplitterten Ellenbogen. So saßen wir dort, schimpften auf Gott und die Welt und ließen die Maßen in unsere Kehlen rinnen. Sturzbetrunken machten wir uns dann auf den Weg zurück und gelangten über die Notarzt Zufahrt in das verschlossene Haus. Einmal lag tatsächlich einer auf der Trage und wurde behandelt. Der Kollege, dessen Namen ich nicht mal mehr ansatzweise weiß, sagte ganz cool „Guten Abend“ und wir gingen am völlig verblüfften Ambulanzarzt vorbei. Der dachte bestimmt an eine Fata Morgana und nicht an 2 betrunkene Patienten.

Nur leider habe ich es vermasselt und das kam so. Wir waren wieder auf Tour, meine Entlassung war nicht mehr weit und es war leicht glatt. Beim Rückweg rutschte ich aus und knallte derart heftig auf den Boden, dass ich allein nicht mehr gehen konnte und sogar dachte die Wunde sei aufgeplatzt. Klar half mir mein Mitstreiter und stützte mich beim Weg durchs Treppenhaus, der Aufzug war nicht möglich, sonst hätten wir am Schwesternzimmer vorbei gemusst.
Nachdem er mich an der Zimmertür abgeliefert hatte, dachte ich er geht wieder zurück, runter und im Mittelaufgang wieder hoch. Doch er war wohl zu betrunken und müde. Er begab sich in tiefste Gangart und wollte am Schwesternzimmer vorbei robben. Doch die bemerkten es und es gab einen riesen Heckmeck, der mit der Entlassung des armen Mannes endete. Doch damals hatten die Kerle noch Charakter und er hielt durch und verpfiff mich nicht.
Kurz darauf wurde ich nach 7 Wochen, 2 Operationen, unzähligen Quälereien (Dr. Danek war ohne Spaß ein Sadist!) und noch mehr Blutabnahmen und Spritzen nach Hause. Es dürfte wohl Mitte-Ende November gewesen sein und als nächstes folgt der letzte Teil des 4. Kapitel und dabei handelt es sich um eine Geschichte, mit eine der für mich traurigsten und grausamsten Erfahrungen in meinem Leben.

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