Erinnerungen von Peter Alexander Christerer

Peter Alexander Christerer


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Widmung

Dieses Buch ist jemanden gewidmet, den ich von ganzen Herzen liebe und achte. Noch nie wurde ich von diesem Menschen im Stich gelassen oder gekränkt.

Dieses Buch ist mir gewidmet.

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#K04-04 - Hugo B. und das Kartenspielmp3

Das Metzgerhandwerk ist, das dürfte schon in der Natur der Sache liegen, ein etwas gewöhnungsbedürftiger und rauer Beruf. Es liegt nicht jedem, mit toten Tieren zu arbeiten oder sogar Tiere zu töten. Wenn man sich dann jedoch den Fleischkonsum in Deutschland ansieht, tote Tiere essen möchte aber schon fast jeder. Frei nach dem Motto: „Was schert mich die Umwelt, bei mir kommt der Strom aus der Steckdose.“
Soweit ich mich erinnere, bestand der Lehrlingsjahrgang 1975-1978 aus nur einer Berufsschulklasse. Einige der Lehrlinge kamen aus München, aber auch viele aus Ebersberg, Erding, Haag u.a.m. also aus dem Umland, dort durfte im Gegensatz zu München auch noch selbst geschlachtet werden.

Einmal in der Woche hatten wir theoretischen und praktischen Unterricht im Münchner Schlachthof. Einige meiner Lehrlingskollegen erfüllten voll und ganz, das zur damaligen Zeit vorherrschende Klischee, das man von Metzgern hatte. Grobschlächtig, dumm und brutal. Einer dieser Kandidaten war (seinen Vornamen habe ich vergessen, denn den benutzte eh niemand) ein gewisser Numb. Ca. 190cm hoch, bullig, stark wie ein Bär (er hatte kein Problem damit, unter jedem Arm einen ca. 60kg schweren Rinderschlegel quer über den Schlachthof zu tragen) und strohdumm.

Wie Numb. die Prüfung in der Theorie schaffte ist mir bis heute ein Rätsel, denn während des Unterrichts erledigte -gegen ein geringes Entgelt- einer von uns die Aufgaben für ihn. Numb. war ein herzensguter Mensch und nur schwer reizbar. Doch ein Aushilfslehrer trieb ihn einmal bis zur Weißglut und das war nicht die beste Idee. Denn nachdem ihn dieser Typ zum wiederholten Male vor der gesamten Klasse lächerlich gemacht hatte, sprang Numb. wie von einer Tarantel gestochen auf (so laut, dass selbst Hugo B. und ich erwachten), rannte vor ans Pult, riss das Fenster auf, packte den verblüfften Lehrer am Hemdkragen und am Hosenbund. Er hob ihn in die Höhe -gut, das Zwetschgenmanderl wog vielleicht gerade mal 70 kg- und bugsierte ihn der Länge nach aus dem Fenster, dort drehte er ihn quer und schüttelte ihn wie man es mit einer großen Wanderratte macht, damit sie richtig quietscht. Ungut war daran, dass wir uns im 2.OG befanden. Ein Aufprall auf dem Boden wäre wahrscheinlich ziemlich schmerzhaft gewesen.
Dann holte er ihn wieder rein (ich bin mir sicher die Aktion hatte Numb. nur kopiert, denn ich glaube es war nicht das erste Mal, dass so was geschah), stellte den kreidebleichen Lehrer brav auf den Boden und sagte mit seiner tiefen Bassstimme: „No amoi wennst mi für blöd vakaffst, dann is aus mit dir“, drehte sich um, ging zurück an seinen Platz und setzte sich als wäre nichts gewesen. Gut an der Sache war, dass auch die Lehrer keine Sensibelchen waren und es bei einem Verweis für Numb. beliesen. In der Mittagspause wurde noch einmal kurz darüber gesprochen und dann war das Thema gegessen.

Ein ganz anderes Kaliber war Hugo B. aus Ebersberg, aber Lehrling bei Magnus Bauch, einem sehr bekannten Münchner Metzger. Er wohnte in einer winzigen Bude direkt neben seiner Lehrstätte an der Thalkirchner Straße und brachte mir bei, wie man Mädels die Fleischereifachverkäufer lernten, dazu bringt sich auch für die menschliche Anatomie zu interessieren.
Es dürfte gegen Ende des 1. / Anfang des 2. Lehrjahres gewesen sein, als Hugo mich fragte, ob ich nebenher ein paar Märker verdienen möchte. Er meinte, er spiele 1-2 x die Woche mit ein paar Typen Poker und er würde mir ein paar Sachen beibringen, damit wir als Team sicher gewinnen würden. Okay so ganz wohl war mir nicht bei dem Ding, aber als er sagte, da wären pro Woche mindestens 50-100 DM drin, war ich restlos überzeugt.
Letztendlich ging es um gezinkte Karten und ein paar gut platzierte Gegenstände in dem Hinterraum der Kaschemme, denn der Wirt war auch ein Komplize. Mit Zeichen verständigte ich mich mit Hugo und somit konnten wir nur schwer wirklich verlieren, nur die kleineren Einsätze gaben wir preis.

Ganz einverstanden war ich nach kurzer Zeit nicht mehr mit meinem Anteil. Der Wirt kassierte 70 % vom Gewinn (Karten und die Spiegel stammten von ihm), und Hugo gab mir höchstens 50 DM pro Spieltag von seinen 30%. Doch unsere Mitspieler waren alles andere als liebe, freundliche Gesellen. Sie waren überwiegend Gastarbeiter / Fernfahrer aus dem Großmarkthallen / Schlachthof Milieu.
Finstere Gestalten mit schnellen Fäusten und jeder sicher mit einem Messer in der Tasche. Doch zu „Tarifverhandlungen“ zwischen Hugo und mir kam es nicht mehr. Eines Abends stand wieder eine Session an, doch ich hatte partout keine Zeit. Ob Hugo eine weitere Person als Ersatzmann hatte oder ob der Wirt einsprang weiß ich nicht mehr.

Jedenfalls kam während der Pause der Rektor der Berufsschule -ich denke er hieß Grohmann- und meinte, dass Hugo B. leider bei einer Auseinandersetzung in einer Gaststätte mit einem Messer lebensgefährlich verletzt wurde. Die Polizei bittet um Mithilfe, falls einer seiner Mitschüler Angaben zu Hugo B. und seinen Gewohnheiten machen kann.
Weder machte ich bei der Polizei Angaben, noch sah ich Hugo B. jemals wieder. Ich weiß aber, dass er es überlebt hatte. Ob er seine Metzgerlehre fortsetzte und was weiter in seinem Leben geschah entzieht sich meiner Kenntnis, nur war fortan auch mein lukrativer Nebenverdienst ad acta gelegt.

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