Erinnerungen von Peter Alexander Christerer

Peter Alexander Christerer


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Widmung

Dieses Buch ist jemanden gewidmet, den ich von ganzen Herzen liebe und achte. Noch nie wurde ich von diesem Menschen im Stich gelassen oder gekränkt.

Dieses Buch ist mir gewidmet.

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#K01-07 - Ludwig „Wiggerl“ Christerermp3

Mein Bruder Ludwig „Wiggerl“ Christerer wurde am 30.10.1956 in München geboren.
Wiggerl litt an schwerem Asthma. Ob von Geburt an oder ob sich die Krankheit erst später entwickelt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. In den 1960er Jahren war Asthma noch nicht so erforscht und Medikamente zum Einnehmen kamen erst Anfang der 1970er auf den Markt.

Wiggerl litt sehr unter den Anfällen, die durchaus lebensbedrohlich werden konnten. In meiner Erinnerung fanden diese hauptsächlich nachts statt und Wiggerl rannte dann ( warum auch immer ) aus dem Zimmer zur Toilette und schrie dabei um Hilfe. Dies führt natürlich bei Atemnot nicht unbedingt zur Besserung, könnte aber durch die häufig auftretenden Angstzustände bei Asthmaanfällen zu erklären sein. Irgendeiner der anwesenden Erwachsenen versuchte ihm dann zu helfen.

Für mich war das schwer zu begreifen, da von gar nichts bis zu lebensbedrohlich oft nur Minuten vergingen. Manchmal war ich sogar eifersüchtig, denn logischerweise wurde Wiggerl besonderes Augenmerk zuteil. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mich sogar freute, dass Wiggerl diese Krankheit hatte, denn dadurch entging ich bei der Einschulung der obligatorischen Pockenschutzimpfung und meine Angst vor Spritzen war auch mit 6 Jahren schon ausgeprägt.

Ansonsten war Wiggerl im gesamten Viertel außerordentlich beliebt. Irgendwann entstand eine Jugendbande und als Wiggerl zum Anführer erwählt worden war, hieß sie nur noch die „Wiggerl Clique“. Bereits damals herrschten in den Bezirken gut gepflegte Feindschaften und gegen eine Rauferei hatte damals niemand etwas einzuwenden. So waren eine Gang im Maxhof angesiedelt, eine weitere unter Führung von „Bautze“ in Forstenried und in Fürstenried Ost waren die Spitzers von Rang und Namen. So lächerlich es heute für eine Erwachsenen auch klingen mag, aber für kleine Jungs wie mich bedeutete das - zumindest in Fürstenried West - durchaus eine gewisse Sicherheit der Bruder von Wiggerl zu sein.

Dann kam die Nacht, die sich wie Säure in mein Gehirn und mein Herz geätzt hat. Wiggerl und ich hatten noch ein gemeinsames Zimmer, während Otto in das ehemalige Zimmer von Onkel Hugo gezogen und schon in der Lehrausbildung war.
In der Nacht vom 10. zum 11.11.1970 hatte Wiggerl einen Anfall, sprang wie immer aus dem Bett und lief um Hilfe schreiend zur Toilette. Doch dieses Mal dauerte es nicht lange und er verstummte, denn so ein Anfall konnte auch ganz spontan beendet sein. Leider war es sein letzter Anfall. Früh am Morgen als Vater wie üblich aufstand um in seine Metzgerei zu fahren, konnte er nicht auf die Toilette, denn sie war verschlossen und auf sein Klopfen antwortete niemand.

Man konnte die Türe von außen mit einem Geldstück oder Schraubendreher öffnen und als mein Vater dies tat, saß Wiggerl leblos auf der geschlossenen Toilettenschüssel. Natürlich entstand ein lauter Tumult und davon geweckt, trat auch ich aus meinem Zimmer und sah frontal auf den sitzenden, toten Bruder. Dieser Anblick und seine vorherigen Schreie werden wohl bis zu meinem Ende nahezu täglich zur Erinnerung kommen. Heutzutage denke ich wäre diese Erkrankung durchaus einfacher zu händeln, aber das Leben hält nun mal nicht nur Pralinen parat.

R. I. P. Wiggerl du warst mein Held!

Damit beende ich das erste Kapitel und der nächste Lebensabschnitt, den ich für mich als wichtigsten bezeichnen möchte, beginnt. All die Vorkommnisse und die darin involvierten Menschen - so denke wenigstens ich - ließen mich zumindest bis 1995 so agieren wie es nun einmal geschah.

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